Predigt vom 29.01.12 (Oekumenische Bibelwoche)

Oekumenische Bibelwoche: Psalmen
Psalm 13,1-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes

und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

 

Liebe Mitchristen!

Es ist bereits das dritte Mal hier bei uns in Achern, dass es zu einem sog. Kanzeltausch kommt: Pfr. Giesler steht heute morgen auf der Kanzel in der Christuskirche / ich nun stehe heute morgen hier vor Ihnen! Und ich will gleich hinzufügen: Ich freue mich sehr darüber! Liegt darin doch ein starkes oekumenisches Signal!

Es ist in unserer Zeit wohl zunehmend wichtig, dass wir Christen zusammen-rücken und zusammenstehen. Sicher, da sind Unterschiede zwischen den Konfessionen, aber da gibt es auch erfreulich viel Gemeinsames! Wir berufen uns auf die Bibel, gründen uns auf Jesus Christus, fragen nach Gottes Geboten, singen zum Lobe Gottes!

Es ist gute Tradition zwischen unseren Gemeinden hier vor Ort, dass wir uns zusammenfinden zur oekumenischen Bibelwoche: dass wir also gemeinsam auf Gottes Wort hören, dass wir gemeinsam danken und bitten, dass wir hier im Gottesdienst in der Gegenwart Gottes zusammen sind, dass wir Seinen Segen erbitten und in Seinem Frieden unsere Wege gehen!

Psalmen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Bibelwoche, Psalmen aus dem Gebetbuch Israels. Das heißt: Wir berufen uns auf die jüdischen Wurzeln unseres christlichen Glaubens und verbinden uns mit dem Glaubensgut des Volkes Israel! Wir bekennen uns damit zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, zu dem Gott Davids und Salomos, zu dem Gott zweier Könige, denen verschiedene Psalmen zugeschrieben worden sind.

Psalmen – das sind gesungene Gebete, Gedichte, Klagen und Loblieder, in denen sich menschliche Schicksale widerspiegeln. Psalmen – das sind Bibelworte voller Temperament und Leidenschaft, voller Höhen und Tiefen, voller Anfechtung und Glaubensgewissheit! Psalmen – das sind Worte aus alter Zeit, die uns Menschen heute angehen! Psalm 23: wer kennt ihn nicht? Wer spürt da nicht die tiefe Geborgenheit, das starke Gottvertrauen, wenn es da heißt (?): »Der HERR ist mein Hirte!«

Nun denn, heute der erste Psalm der diesjährigen Bibelwoche – hören und bedenken wir die Worte aus Psalm 13 in den Versen 1-6: »…« (soweit).

Er fällt sogleich ›mit der Tür ins Haus‹ / es platzt aus ihm heraus mit Fragen und Klagen … Keinerlei behutsame Einleitung, kein Wort des Dankes etwa zu Beginn, wie es sich für ein frommes Gebet doch wohl gehören könnte (!), nein, der Psalmbeter kommt ohne Umschweife gleich zur Sache: mit Anfragen und mit Anklagen und Aufforderungen!

Alles andere als zimperlich geht er vor. Schonungslos konfrontiert er Gott mit dem, was ihn umtreibt. Er wählt keine feinsinnige liturgische Sprache, nein, viermal gar fordert er Gott heraus! Viermal beginnt er mit den Frageworten: »Wie lange noch …!« / »Wie lange willst DU mich vergessen / wie lange verbirgst Du Dich vor mir? / Wie lange soll ich mich noch sorgen / Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?«

Der Psalmbeter greift an: greift Gott an und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Er überschüttet Gott mit Beschwerden und Vorwürfen …: Darf denn ein Mensch so mit Gott umspringen?? / Darf sich ein Mensch das erlauben?? / Weiß er denn nicht mehr, was sich gehört??

Man wird wohl nicht so weit gehen, zu behaupten, der Psalmbeter würde Gott einen Termin setzen oder ein Ultimatum stellen, bis dass ER einschreiten und helfen müsste – aber das viermalige »Wie lange noch??« stellt Fragen voller Ungeduld, voller Enttäuschungen! Ja, liebe Leute, es scheint wohl so, dass dieser Psalmbeter enttäuscht worden ist: von Gott enttäuscht worden ist! Und dann auch noch diese Feinde, diese Gegner, diese Widersacher: die machen sich lustig über ihn, die verlachen ihn und treiben ihren Spott: letztlich über Gott!

– Und was tut Gott? Wie reagiert ER? Reagiert ER überhaupt?? Oder lässt ER all dem menschlichen Treiben, auch der Gotteslästerung freien Lauf?? – Der Psalmbeter kann und will das nicht wahrhaben, und deshalb protestiert und rebelliert er, deshalb appelliert er an Gott (!): »Wie lange noch??« Er könnte genauso fragen: ›Merkst DU, Gott, denn nichts?? Merkst DU, Gott, denn nicht, was vorgeht, was Menschen treiben, wie sie lästern und DIR auf der Nase herumtanzen?? Bist DU so am Ende, dass DU am Ende nur noch zu allem ›Ja und Amen‹ sagen kannst??‹

Der Psalmbeter entwickelt sich zum wahren Protestanten: zu einem Menschen nämlich, der sich für Gottes Sache einsetzt, für Gottes Ehre! Und deshalb wendet er sich an Gott: mit all seinen bohrenden Fragen! In seiner Herzensangst, in seiner Ratlosigkeit, in seiner Hilflosigkeit gegenüber denen, die sich in unverschämter Schadenfreude als Sieger sehen – in all seiner Not wendet sich der Psalmbeter aber immer noch an Gott, an wen denn sonst!

Was das für uns heißt? – Der Psalmbeter könnte uns zum Vorbild darin werden, uns ungeniert an Gott zu wenden / Gott mit allem zu kommen, was uns auf der Seele liegt und unter den Nägeln brennt!

Uns erwartungsvoll an Gott zu wenden und darin nicht locker zu lassen! Ist es so (?), dass wir Menschen Gott viel zu selten in Pflicht nehmen: in die Pflicht, für uns zu sorgen, uns beizustehen und zu helfen? »Ich lasse DICH, GOTT, nicht, es sei denn, DU segnest mich zuvor!« (Gen. 32,27) – schleuderte einst ein Jakob seinem Gott entgegen!

›Schaue doch, erhöre doch, erleuchte doch, bekämpfe und dämpfe meine Feinde, verdirb ihnen die Schadenfreude‹: mit diesen Bitten liegt der Psalmbeter in seinem Gebet vor Gott, bei allem Kampf immer noch mit einem Rest von Vertrauen: Wer denn kann helfen, wenn nicht GOTT??

Merk-würdig, überraschenderweise, doch da passiert´s: dieser Umschwung von der Klage zum Lob! Was mit Stöhnen und Seufzen begann, endet mit Singen und Freude / was mit schweren Vorwürfen zu Gott begann, endet mit Vorschusslorbeeren: wie nur das?

Das Gemüt treibt Purzelbäume / die Gefühle jagen hin und her / der Mensch weiß nicht aus noch ein, aber dann, dann auf einmal, völlig unerwartet, mitten aus aller Ungeduld, aus allem Drängen heraus: dieser Umschwung, diese Wende!

Martin Luther schrieb 1530: »Wenn einer das könnte und sich in der Traurigkeit so herumwerfen könnte, dass er die Dinge des Zorns aus den Augen täte und sich allein auf die Barmherzigkeit würfe: der hätte schon gewonnen!«

›Sich so herumwerfen können‹: wer kann das?

›Sich so herumwerfen können‹: von Klage und Frage in den Lobgesang (?) / von Zweifel und Ungeduld in Glaubensgewissheit?? Wie denn nur kommt´s zu dem Bekenntnis (?): »Ich aber traue darauf, dass DU so gnädig bist / mein Herz freut sich, dass Du so gerne hilfst! Ich will dem HERRN singen, dass ER so wohl an mir tut!«

Liebe Mitchristen, da ist Gott am Werk. Das ist Gottes Tat: ER selbst legt dieses Glaubensbekenntnis in Herz und Seele. Gott selbst stärkt bis dahin, dass ein Mensch bekennt: »Mein Herz freut sich, dass DU so gerne hilfst!«

Um dieses Herz, um diese Seele, um diese Freude, um diese Hilfe dürfen und sollen wir Gott erwartungsvoll bitten. ER kann und wird uns letztendlich nicht enttäuschen!

Amen.