Predigt vom 2. Sonntag nach Epiphanias – 2012

2. Sonntag nach Epiphanias
1. Korinther 2,1-10

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes
und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Wenn einer nicht gut rechnen kann, dann sollte er nicht unbedingt Kaufmann werden – und wenn einer kein Blut sehen kann, nicht Arzt oder Kranken-schwester oder ganz anders: Metzger werden. Ohne Training wird keiner ein guter Fußballspieler, ohne Übung niemand ein guter Klavierspieler … Auf den Pfarrer gemünzt, müsste das heißen: Wenn einer nicht gut predigen kann, dann kann er kein guter Pfarrer sein. Stimmt doch – oder?

Wir kennen vielleicht verschiedene Prediger, Evangelisten, Pfarrer: Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller – Jörg Zink und Johannes Kuhn – nicht zu vergessen: Billy Graham und Ulrich Parzany. Meine Frage: Wie sollen sie sein, die Prediger des Wortes Gottes / die ›minister verbi divini‹? … Rhetorisch brillant, argumentativ unschlagbar, gefühlvoll einfühlsam, mit großer Ausstrahlungskraft? Stets würdevoll lächelnd, vollmundig, einschmeichelnd – aufrichtig und glaubwürdig? – Ich frage mich selbst: wie soll ich als Pfarrer sein und wirken? Es jedem recht machen, jedem nach dem Munde reden, stets auf Harmonie bedacht sein, niemandem etwas Kritisches zumuten / etwas, was ihm oder ihr nicht schmeckt?

Wie soll ich als Pfarrer sein und wirken: tief im Glauben verwurzelt, über jeden Zweifel erhaben, stets mit einer Bibelstelle auf den Lippen? Sollte ich ohne Klage, ohne Zweifel, ohne Frage, ohne Seufzer gegenüber Gott sein?

Da kommt der Apostel Paulus daher. Dieser große, aber von Statur wohl kleine Paulus. Er erlebte alles andere als einen starken, imponierenden, berauschenden Auftritt auf dem Areopag in Athen, im Theater in Ephesus oder nun in der Hafenstadt Korinth. Mit Angst, Furcht und Zittern steht er da vor der Gemeinde – man sollte meinen, einem gestandenen Mann wie dem Paulus sei so etwas vollkommen fremd! Da steht kein überzeugender, kein bestechender Redner – im Gegenteil: einer, der auch noch zugibt, in welcher Schwäche er da vor der Gemeinde steht! Man könnte Mitleid mit ihm haben! Einer, der am liebsten gekniffen hätte und fortgelaufen wäre. Da ist kein Strahlemann von Prediger, kein Meister in Sachen Rhetorik – nein, sondern einer, der sagt: »Ich komme nicht mit hohen Worten und nicht mit hoher Weisheit zu euch. Ich stehe vor euch in Schwachheit, in Furcht und mit großem Zittern!«

Aber – hören Sie selbst seine eigenen Worte, aus 1. Korinther 2, die Verse 1-10: …

Liebe Gemeinde!

…es wird nicht einfach das Lampenfieber gewesen sein oder die Aufregung. Vielleicht liegt´s am so großen Auftrag, Menschen für Gott zu gewinnen! Vielleicht liegt´s an Fragen, die den Paulus umtreiben / an Problemen, die ihm den Schlaf rauben. Fragen wie: ›Was denn bewirken meine Worte, wen denn interessieren sie wirklich? Tut sich was, bewegt sich was, ändert sich was? Fangen die Menschen an, nachzudenken, zu Gott umzukehren, zu beten und Bibel zu lesen? Oder hören sie sich das alles nur so an, lassen den Wortschwall über sich ergehen? Denken sie, das alles sei nur frommer Firlefanz, nur Spekulation, aber ›ohne Hand und Fuß‹? Hat´s denn überhaupt Sinn und Zweck, dass ich hier stehe und predige und mir den Mund fusselig rede?? Was kommt denn dabei heraus, was bringt´s??‹ – Es gibt wohl keinen Diener am Worte Gottes, der nicht irgendwann immer wieder von solchen Fragen angefochten würde …

Wichtig ist, dass Paulus offen ausspricht, wie es ihm als Prediger erging und wie ihm dabei zumute war: dass er so manches Mal Angst hatte / dass er von Zweifeln geschüttelt wurde / dass auch ihm eben nicht mit jeder Predigt ein überzeugender Wurf gelang / dass auch er bei vielen Menschen mit seinen guten Worten eben nicht ankam und trotz bestem Willen mit seiner Predigt ›Schiff-bruch‹ erlitt!

Da steht er nun, der Prediger Paulus: in menschlicher Schwachheit – und dennoch: der große Prediger, der ganz große Apostel! Warum er, ausgerechnet er, einer der ganz Großen?

Paulus erfährt´s am eigenen Leibe: gerade auch durch schwache und furchtsame und zögerliche Menschen hindurch kann Gott Großes und Großartiges wirken! Aus ganz kleinen, unscheinbaren, auch unbedeutenden Menschen kann Gott im Glauben große und feste Menschen machen, kann Gott Segensreiches wirken! Gott kann sogar mich ›Angsthasen‹, mich Bedenkenträger, mich Zweifler …, Gott kann sogar mich gebrauchen, mich, der ich mir das gar nicht zutraue! Auch bei all meiner Schwachheit und Unsicherheit, aber Gott kann und will Großes mit mir anfangen!

Paulus könnte sich selbst fragen: ›Wer bin ich denn … Bin ich dieser große Prediger, für den mich die Leute halten? Bin ich jemand Besonderes? Nein, und noch einmal nein! Ich bin jemand, der Gott nötig hat – jemand, der ohne Gott nicht ist und der ohne Gott nichts Sinnvolles tun kann. Ich bin jemand, der dies weiß. Jemand, der ganz und gar, täglich, stündlich von Gott und Seiner Gnade allein das Leben hat. »Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin!« Weil Gott mich will, weil Gottes Geist in mir arbeitet, weil Gott mich begabt und beauftragt und begleitet – nur deshalb bin ich, was ich bin: groß von Gott her, wenn auch menschlich klein und gering.

Ich bin im Grunde nichts Besonderes. Ich bin bestenfalls das Gefäß, das aber Gott füllen muss. Ich stell´ mich Gott zur Verfügung und vertraue darauf, dass Gott mit mir etwas anfängt. Ich sage zu Ihm: »Herr, hier bin ich. Nun bist Du an der Reihe. Mach´s mit mir, wie´s Dir gefällt! Aber lass mich etwas sein zum Lobe Deines Namens!«‹

»Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin«: Das ist ja gerade Gnade, dass Gott einen Menschen findet, der Ihn nicht sucht! Das ist ja gerade Gnade, dass Gott einen Menschen fragt, der nicht nach Ihm fragt! Das ist Gnade, dass Gott Menschen wie dich und mich sucht und findet und gebrauchen kann und in Dienst nimmt! Dass Gottes Geist uns Menschen aufrüttelt, antreibt, begeistert, beflügelt: uns zaudernde, zögerliche, auch verzagte Menschen!

Weil das so ist, kann ich mich nicht mehr zurückziehen und mich nicht mehr entschuldigen wollen: ich sei zu jung, zu schwach, zu alt, zu klapprig und ich hätte sowieso immer viel zu wenig Zeit. Eine ältere Frau, die krank und gebrechlich ist, kann vielleicht immer noch beten / ein Konfirmand, der mehr ans Kicken denkt oder an die Disco, kann andere Dienste in der Gemeinde übernehmen, aber ja!

Auch ein Familienvater hat´s nicht leicht, sich hinter Ausflüchten zu verschanzen, wenn Gott gerade auch ihn sucht und in Dienst nehmen will! Keiner ist überflüssig, jeder wird gebraucht »im Weinberg Gottes!« Keiner von uns ist vor Gott sicher, weil Gott jeden von uns suchen und finden und einsetzen will! Und dies alles – nur zu unserem Glück!

Worin denn nun liegt die Größe beim Paulus? – Darin, dass er Gott wirken lässt. Darin, dass er sich Gott ganz zur Verfügung stellt. Auch darin liegt seine Größe: dass er sich seiner Angst und Schwachheit nicht schämt!

In seiner menschlichen Schwäche ist ein Paulus nicht verstummt. Unermüdlich hat er Gottes große Liebe verkündigt, wenn auch manches Mal zitternd und mit weichen Knien. Er hat die Botschaft weitergegeben, die in menschlichen Augen als töricht und lächerlich erscheinen mag: die Botschaft vom Gekreuzigten und Auferweckten! Darin, in diesem Herrn allein, da liegt eure Stärke, sagt Paulus. Und: »Unser Glaube besteht nicht auf Menschenweisheit, nicht auf menschlicher Einbildung, sondern auf Gottes Kraft!«

Der kraftlose Apostel empfängt all seine Kraft aus diesem Jesus Christus – so, wie ein Baum all seine Kraft aus den Wurzeln zieht. Dieser Jesus Christus macht den immer wieder schwachen Paulus stark im Glauben, stark in der Liebe, stark in der Hoffnung, mutig und verwegen sogar.

Paulus weiß: Nicht ich bin´s und mach´s, sondern Gottes Geist in mir und durch mich. Ich bin das Gefäß, das Gott immer neu füllen muss. Ich strecke Ihm meine leeren Hände entgegen, aber ER lässt sie nicht leer. Ich bin höchstens der Kanal, durch den hindurch Gott Menschen erreichen will. Gott selbst wird durch mich hindurch predigen und Menschen ansprechen und anrühren und neu ausrichten. Hoffentlich kann Gott etwas mit mir anfangen und andere Menschen zum Glauben führen.

Drei Sätze zum Schluss:
Gott nimmt unvollkommene Menschen wie dich und mich in Seinen Dienst. Gottes Wort, an die Menschen weitergegeben, soll nicht leer zu Ihm zurück-kommen, sondern wirken. Gottes Heiliger Geist arbeitet auch heute!

Amen.