Predigt vom 18. Sonntag nach Trinitatis

18. Sonntag nach Trinitatis
Markus 10,17-27

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes

und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Unser Predigttext heute, aus Markus 10: …

Liebe Gemeinde!

Eine spannungsgeladene Geschichte, die wir soeben gehört haben! Da wird der Finger so richtig in die Schwachstelle gelegt. Kein happy-end, kein harmonischer, friedlicher, versöhnlicher Abschluss. Nichts davon, im Gegenteil. Da muss sich wohl jeder von uns die empfindliche Frage gefallen lassen, die da lautet: ›Bin ich dem reichen Jüngling vergleichbar, der von Jesus wegläuft? ‹
Vom ›reichen Jüngling‹ ist die Rede. Alle, wohlgemerkt: alle (!) Gebote hat er von Jugend auf gehalten, vielleicht, seitdem er konfirmiert wurde: »Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht falsch´ Zeugnis reden, Vater und Mutter ehren …« – Können wir von uns behaupten, alle, aber auch alle Gebote Gottes gehalten zu haben?? Könntest du mit blütenweißer Weste Gott gegenübertreten, hinstehen und kundtun, alle, aber auch alle Gebote gehalten zu haben??

Sind wir nicht immer schnell dabei, Gottes Gebote an uns auszuhöhlen, abzuschwächen, umzubiegen, unseren eigenen Interessen anzugleichen?

Wo fängt denn Stehlen an: gibt´s da inzwischen verschiedene Spielarten, Abstufungen, Härtegrade? Geistlicher Gedankenklau (?): inzwischen erlaubt? / Plagiatsvorwürfe gegenüber Doktor-Arbeiten (?): nur eine Bagatelle? / Ist das inzwischen nicht schon fast selbstverständlich, im Betrieb etwas mitgehen zu lassen, es mit der Steuererklärung nicht so ganz ernst zu nehmen, ohne Skrupel Schwarzarbeit zu leisten? – Wie steht´s denn mit dem Gebot: »Du sollst nicht töten« – wenn in unserem Land laut Statistik jede dritte Frau mindestens eine Abtreibung hinter sich hat?? – »Falsch´ Zeugnis reden ..«: Wie schnell sind wir dabei, zu lügen, zu betrügen, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen / wie schnell sind wir dabei, einen anderen Menschen schlechtzureden, natürlich hinter seinem Rücken, so dass er sich nicht wehren und ich locker-leicht die Unwahrheit verbreiten kann! Man redet von »mobbing«: da wird Rufschädigung betrieben, verleumdet, natürlich von lauter Feiglingen, die ihre eigene Schwäche kaschieren und ummänteln wollen …

Aber dieser eine junge Mann, der nimmt´s mit dem Glauben ernst, der setzt alles daran, um nach Gottes Geboten zu leben. Jesus schaut ihn an – und gewinnt ihn lieb!

Hier, an dieser Stelle möchte ich am liebsten »Amen« sagen und schließen. Etwas Besseres kann dem jungen Mann doch gar nicht passieren, als dass Jesus ihn liebhat!

Ihn in die Arme nimmt, ihn ins Herz schließt! Sich freut und es also bestätigt: ›Ja, dieser junge Mann lebt wahrlich so, wie Gott es will!‹

Wenn Jesus Christus dich heute so anschaut und lieb gewinnt, dann ist dieser Sonntag für Dich ein Sonnentag ohnegleichen, ein Freudentag wie kein anderer! Dann kannst du fröhlich deine Straße ziehen, voller Zuversicht und Gelassen-heit. Dann kann dir im Grunde nichts mehr passieren, dann bist du gerettet für Zeit und Ewigkeit! Schon jetzt auf sicherem Kurs ans Ziel deines Lebens!

Doch ich kann an dieser Stelle noch nicht »Amen« sagen. Denn unsere Geschichte geht ja noch weiter. Jesus hat diesen jungen Mann also lieb-gewonnen, ja – doch dann sagt er auf einmal: »Eines aber fehlt dir« / ›eines fehlt dir, wenn du das ewige Leben mit Gott erben willst / wenn du auf ewig eben nicht verloren, sondern gerettet sein willst!‹ – Spannung (!), was könnte Jesus damit wohl meinen? Was sollte dem jungen Mann denn noch fehlen? – Und dann schießt es feilgerade aus Jesu Munde heraus: »Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib´s den Armen, und dann komm und folge mir nach!«

›Also – aber das geht doch wohl entschieden zu weit!

»Komm und folge mir nach!«: das ginge ja vielleicht gerade noch an – aber: »Verkaufe alles, was du hast« (?): Nein, das geht entschieden zu weit!‹ – Wir müssten uns bei diesem Jesus-Wort entsetzen, müssten aufschreien und aufbegehren – die Jünger damals jedenfalls gerieten außer sich!

Wieso nur freut sich Jesus denn nicht über diesen jungen Mann, der da zu ihm kommt? Wir wären doch froh, wenn da Leute von außen ganz frisch in die Gottesdienste und in die Gemeinde kommen, Jugendliche auch, und wenn sie sich anstecken und begeistern lassen für die Sache Gottes! Wir könnten darüber doch nur froh sein! – Wieso nur freut sich Jesus nicht über diesen einen jungen Mann, der »Lust hat am Gesetz des Herrn« (Psalm 1), der die heilsamen Gebote Gottes ernstnimmt und befolgt und der ehrlich nach dem Sinn des Lebens fragt: ›Jesus, was muss ich tun, damit ich die Fülle des Lebens, ewiges Leben in der Herrlichkeit Gottes, in Seinem Friedensreich finde?‹ – Hier fragt doch einer, der gemerkt hat, dass er die Fülle des Lebens eben nicht hat – dass ihm bei allem, was er hat, das Entscheidende fehlt! Hier fragt doch einer, der spürt, dass er in seiner Lebensbilanz noch erhebliche Defizite aufweist / dass vieles eben nicht so ist, wie es sein sollte!

Hier fragt doch einer, der spürt, wie er zwar vieles essen kann, aber nicht satt wird in seiner Seele! Dieser junge Mann hier, in dem ist der Hunger nach der Fülle des Lebens, der Hunger nach ewigem Leben, der Hunger nach Gott erwacht! Der will sich nicht einfach abspeisen lassen, der will der Sache auf den Grund gehen, der fragt tiefer! Der weiß: Das, was ich bisher alles erlebt habe, das macht noch nicht satt! Das kann noch nicht alles gewesen sein! Dahinter muss noch mehr sein!

Mir ist dieser junge Mann ungemein symphatisch! Und deshalb berührt es mich auch, dass er traurig weggeht, enttäuscht, frustriert. Mich berührt aber in ganz anderer Weise, mich irritiert, dass Jesus ihn einfach laufen lässt, dass ER ihm nicht einmal nachgeht und sagt: ›Freund, komm, horch her! Lass uns noch mal drüber reden!‹ Nein, Jesus lässt ihn einfach so davongehen, ohne ein weiteres Wort, ohne ihn zu beruhigen und zu trösten: Hätte ER ihm nicht nachrennen müssen??

Diese Geschichte, Sie merken es, hat kein happy-end. Kann es manches Mal so sein, dass Gott uns laufen lässt, uns allein lässt, gar gegen die Wand laufen lässt, obwohl Ihm das selbst weh tut, leid tut??

Wissend, dass jeder Mensch seinen eigenen Glaubensweg finden muss, seine eigene Glaubensentscheidung treffen muss? Kann es sein, dass Gott schweigt, sich zurückzieht, sich zurückhält – weil ER in Seiner Liebe auf uns wartet? Wie schwer kann´s einem Liebenden fallen, zu warten, wo der andere noch Zeit braucht und noch nicht so weit ist! – Kann es sein, dass Gott uns manches Mal sogar in großer Traurigkeit lässt – damit wir durch diese Traurigkeit hindurch Ihm entgegenwachsen und reifen und ganz neu zu Ihm finden?

Der reiche Jüngling – er hatte Jesus sehr wohl verstanden. Traurig ging er von dannen, traurig worüber? Traurig über sich selbst? – Vielleicht hilft es einem Menschen, wenn er einmal tief erschrickt über sein vermeintliches Christsein, über die christliche Fassade, seinen christlichen Anstrich oder sein christliches Make-up. Vielleicht findet dieser Mensch aus dem Erschrecken über sich selbst heraus an den Punkt, wo er spürt: Bisher mach ich mir nur etwas vor, vor mir selbst und meinem Gott. Ich hintergehe und betrüge mich selbst, tue so, als ob ich Christ sei – aber im Grunde pfeife ich wenig auf Gott, Gottesdienst, Gebet! Hoffentlich kommt dieser Mensch dann bis an den Kern des Ganzen, bis an den Kern des lebendigen Glaubens und begegnet dem wahren Gott!

»Wer kann dann überhaupt selig / glücklich / gerettet werden??« So lautet die Schlüsselfrage der Jünger.

Und Jesus? ER blickt sie liebevoll an, wie vorhin den reichen Jüngling, bevor er antwortet: »Menschen schaffen es von sich aus nicht, nicht mit ihren Möglichkeiten, aber Gott schafft´s. Gott ist alles möglich!« Ich ergänze: ›Sogar, dass ein Reicher gerettet wird und ins Himmelreich gelangt!‹

Damit es nun keine Missverständnisse gibt: Jesus spricht sich nicht gegen Reiche und nicht gegen Reichtum an sich aus – aber dagegen, dass Reichtum den Platz Gottes in uns einnimmt, unser Götze wird und Gott verdrängt! Auch Reiche können sehr wohl ins Reich Gottes finden – was aber ist dazu nötig?

Die Jünger zeigen es uns, leben es uns vor: Im Gegensatz zum reichen Jüngling, den Jesus nicht fortschickt, der aber von sich aus fortläuft – im Gegensatz zum reichen Jüngling bleiben (!) die Jünger bei Jesus. Das hilft ihnen – und das hilft uns: bei Jesus Christus bleiben! Nach Seinem Willen fragen, Seinem Vorbild folgen! Also fragen: ›Gott, was willst Du, das ich tun soll …‹ Das hilft uns: konkret Nächstenliebe üben, meine Gegner mit meiner Freundlichkeit beschämen, helfen, wo ich helfen kann – und stets neu beten: ›Herr, hilf Du mir, Dir zu glauben und voll und ganz zu vertrauen.

Leg Zuversicht und Gelassenheit in mein Herz, Ruhe und Frieden. Öffne mir die Türen für die Wege, die ich gehen soll. In allem: Halte Du mich auf dem Weg zu Dir!‹

Amen.