Predigt vom 13. Sonntag nach Trinitatis

13. Sonntag nach Trinitatis
Markus 3,31-35

War Jesus eigentlich Einzelkind (?),

– Die Bibelstelle Markus 6,3 verrät es: Jesus wuchs auf mit vier Brüdern: mit Joseph, Jakobus, Judas und Simon – und Er hatte mehrere Schwestern, wenigstens zwei, deren Namen uns allerdings nicht überliefert sind. Als Beruf erlernte Er den seines Vaters Joseph: Jesus wurde also Zimmermann. Im Alter von etwa dreißig Jahren stieg Er aus: Er verließ Familie und Beruf, wurde Wanderprediger, scharte Jüngerinnen und Jünger um sich und wirkte Wunder. Er fiel auf – sein Ruf eilte ihm voraus – die Leute wollten ihn unbedingt sehen und erleben – manche aber auch erklärten ihn für verrückt. Seine Mutter, seine Geschwister machten sich große Sorgen, hielten ihn für „religiös überdreht“, wollten ihn zur Rede stellen und liefen ihm deshalb nach …

Hören wir nun, wie Jesus darauf reagierte – und wie es zu Jesu Äußerung über „seine wahren Verwandten“ kam. Aus Markus 3, die Verse 31-35: … (soweit).

Liebe Gemeinde!

Die Szene ist ausgesprochen peinlich.

Musste Maria Jesu Antwort nicht wie einen Schlag ins Gesicht empfinden? Wie eine tiefe Demütigung? Sie hatte es doch nur gut gemeint, wollte mahnen und warnen und nur das Beste für ihren Sohn – doch Jesus: schroff und beleidigend putzt Er seine Mutter ab. Ist es nicht so?

Ja, die Familie hatte sich also aufgemacht, um Jesus zur Rede zu stellen.

Passiert so etwas auch heutzutage noch, in unseren Familien? Darf da der Vater / darf da die Mutter noch etwas Unbequemens sagen, dem Kind etwas Kritisches zumuten, unliebsame Fragen stellen – darf das umgekehrt auch der Sohn / die Tochter gegenüber Vater bzw. Mutter? Etwas klar und deutlich benennen, was einem nicht gefällt / was einen stört / was alles andere ist als hilfreich und gut? – Wenn da jemand aus der Reihe tanzt / den Verstand verliert / womöglich gar die ganze Familie bloßstellt und blamiert? / Wie ist das: Lassen wir alles laufen, heißen wir alles gut? Tolerieren wir alles? Haben wir größte Angst davor, uns den Mund zu verbrennen? Scheuen wir das rechte Wort zur rechten Zeit?? Wie ist das …?

Also, Jesu Mutter und Geschwister hatten sich aufgemacht, das nicht ohne Grund.

Sie verstanden ihn immer weniger. Bei alledem, was die Leute so sagten und was sie von den Leuten erfuhren, wurde ihnen ganz anders zumute. Ja, sie ärgerten sich über ihn: „Was nur fällt ihm ein! Was soll das unstete Wanderleben (heute hier, morgen da)! Was soll das Getue mit Zöllnern und Sündern (muss Er sich mit denen da einlassen?)? Muss Er unbedingt predigen vom Reiche Gottes, von Buße und Sündenvergebung (Sünden vergeben kann doch nur Gott allein!)! Und zu allem Überfluss: seine Wunder! Er heilt Kranke und macht sie gesund (Blinde sehen, Lahme gehen!)! Am Ende halten ihn die Leute noch für einen Propheten oder sogar für den Messias! Wir wussten es doch schon immer, dass Er ein absoluter Sonderling ist“, sagten seine Brüder – und seine Schwestern (?): „Wir müssen ihn unbedingt zurückholen, bevor es zu spät ist / bevor etwas Schlimmes passiert! Wer weiß: Die Römer sind zu allem fähig! Und der Hochpriester mit seinesgleichen, der ist auch nicht gerade harmlos!“
Ja, es drohte brenzlig zu werden.

Jesus hatte zu alledem ausgerechnet an einem Sabbat einen Mann in der Synagoge geheilt (hätte das nicht noch einen Tag warten können?). Mehrfach war Er aufgefallen, mit den Oberen hatte Er sich angelegt, bis dahin, dass die Offiziellen bereits beschlossen hatten, ihn zu töten …!

„Er steckt mit dem Teufel im Bunde!“,
sagten die religiösen Führer im Lande. „Er ist von Sinnen, total verrückt, er spinnt!“, sagten seine Geschwister. Und so zogen sie los, zusammen mit Maria, ihrer Mutter, um ihren Jesus wieder nach Hause zu holen: um ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen!

Um ihn in Schutz zu nehmen!

Unsereins könnte den Kopf schütteln

über die Familienangehörigen Jesu. Doch Vorsicht! Sie wussten schließlich nicht, was wir immerhin wissen: dass GOTT sich zu diesem Wanderprediger aus Galiläa bekannt hat / dass GOTT ihn aus dem Tode auferweckt hat. Wir wissen, dass dieser Jesus von Nazareth der Christus Gottes ist -/- aber denken und handeln wir nicht ähnlich wie die Geschwister Jesu damals? Es ist wohl auch unser Betreiben, Jesus hineinzuholen in unsere Art zu leben (so dass alles schön beim gewohnten Alten bleibt) – aber dass Er uns herausholt aus unserer bisherigen Lebensweise / dass Er uns wachrüttelt und grundlegend verändert / dass Er uns mitnimmt auf den Weg der Nachfolge: das wollen wir wahrscheinlich genauso wenig wie seine Geschwister damals.

„Lieber nichts ändern / lieber alles so belassen, wie es ist / bestenfalls ein bisschen Christ sein, aber bitte bloß nicht übertreiben / bloß nicht ein ganzer Christ sein / bloß nicht ein Radikalinski werden in Sachen Gott und Glaube!“

Nun, wo komme ich in der Geschichte vor?

Ist mein Platz drinnen, vor Jesu Füßen, in der Mitte des Geschehens – oder stehe ich draußen, wie Maria und seine Geschwister, im Abseits der Welt?
Was dann, wenn ich sonntags morgens den Frühstückstisch der Familie verlasse, um in die Kirche zu gehen?

/ Was dann, wenn ich Ernst mache mit dem Bibellesen und mit dem Beten? / Was dann, wenn ich auf einmal in die Gemeindearbeit einsteige und so richtig mitmache, weil´s auch Spaß macht? / Was dann, wenn ich in meinem Engagement so richtig aufgehe, so richtig aufblühe und voller Begeisterung bei der Sache bin? Und nicht zuletzt: Was dann, wenn man mich in der eigenen Familie und im Freundeskreis immer weniger versteht? Wenn ich also aussteige und aus dem bisher Üblichen ausschere und mit dem christlichen Glauben munter und fröhlich ernst mache? Wenn andere hinter meinem Rücken über mich reden oder gar den Kopf schütteln?? Was dann??

Jesus scheut sich nicht, seinen eigenen Weg zu gehen.

Er scheut sich nicht, ein einzelner, ein Einzelgänger zu werden. Er hat Zivilcourage, mehr noch: Er hat einen festen, unbeirrbaren Glauben in Gott, Seinen Vater in den Himmeln. Der stärkt ihm den Rücken, der lässt ihn zuversichtlich Seine Wege ziehen. Jesus fragt nach Gott und tut, was Gottes Wille ist – und deshalb kann Er unmissverständlich sagen: „Der ist mir Mutter / Bruder / Schwester, der den Willen Gottes tut!“

Das mag eine Schlüsselaussage unseres Textes sein: „Wer den Willen Gottes tut!“ – Was das heißt? Zum Beispiel: „ein barmherziger Samariter“ werden gegenüber jedem Menschen, der mir begegnet und der meine Hilfe braucht. Jedem Menschen freundlich begegnen, auch dem, der nicht auf meiner Wellenlänge schwimmt. „Barmherziger Samariter“ der alten Frau in der Nachbarschaft gegenüber werden, die auf meinen Gruß wartet und auf meine Ansprache, auf ein gutes Wort oder auf eine Handreichung.

„Wer den Willen Gottes tut“,

das heißt: immer wieder fragen und darin nicht nachlassen: „Was willst DU, Gott, dass ich heute tun soll?

/ Was hast DU vor mit mir? / Wo willst DU mich gebrauchen? / Wo muss ich um Entschuldigung bitten, wo um Vergebung, wo den ersten Schritt tun? / Wo kann ich etwas wiedergutmachen? / Wo jemanden erfreuen? / Wie soll ich umgehen mit meiner Zeit, mit meinem Geld, meinem Reichtum, meinem Besitz? / Und wo willst DU, Gott, mich in Deiner Gemeinde?“

„Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Mutter und Bruder und Schwester.“ Jesus weitet also den Begriff der Familie hin zum Begriff der „familia Dei“, der Familie Gottes. Dass GOTT darin vorkommt / dass GOTT „der Dritte im Bunde“ ist / dass GOTT geachtet und geehrt wird / dass Sein Wille getan wird: darauf kommt´s an! Aber – ist uns klar bewusst,

was Jesus hier aufreißt?

Er spricht wahrlich von einer eigenartigen Familie, von einer weltweiten Familie schließlich, von der Gemeinschaft aller Christen als einer großen Familie, in der alle zusammen gehören und in der alle zusammenhalten!

„Liebe Schwestern und Brüder in Christus“,

so müsste ich Sie und Dich anreden / so geschah das früher, unter den ersten Christen – aber warum geschieht das heute nicht oder nur äußerst selten?

Sind wir so auf Abstand bedacht, auf den Schutz der Anonymität, höchst distanziert, jeder für sich, ausgestattet mit vielen Berührungsängsten? Kritisch gefragt: Gehen wir hier in unserer Gemeinde miteinander um wie Brüder und Schwestern in Christus? – Die streiten auch schon mal fetzig miteinander, die Brüder und die Schwestern, aber die vertragen sich auch wieder. Die halten zusammen, manches Mal „wie Pech und Schwefel“ – aber: Kennen wir einander überhaupt richtig?? / Wissen wir wenigstens den Namen des anderen neben mir und hinter mir? / Fällt auf, wenn der andere auf einmal nicht neben mir in der Kirchenbank sitzt? / Leben wir so miteinander, dass die anderen da draußen spüren und merken (?): „Die halten zusammen wie Brüder und Schwestern“?

Die Gemeinde als große Familie Gottes /

als „Gemeinschaft der Heiligen“: da fühlt man sich wohl.

Da ist man zuhaus´! Man sorgt füreinander, man hilft sich gegenseitig. Da steht einer für den anderen ein. Da wird miteinander geteilt, miteinander herzhaft gelacht, und wenn´s sein muss: auch bitterlich miteinander geweint! Da kümmert man sich umeinander. Da bleibt keiner allein, keiner für sich, keiner ein „single“! Da ist keiner überflüssig. Da ist jeder einzelne gefragt nach seinem Beitrag zum Wohlergehen für alle. Eine solche Gemeinschaft sollte nicht auffallen? Nicht attraktiv sein für andere, die bisher noch „draußen vor der Tür“ stehen??

Eine ungemein große Chance

liegt darin, wenn wir Christen nicht nur von Gemeinschaft reden, sondern wenn wir diese Gemeinschaft ganz konkret leben!

„Mit Herzen, Mund und Händen!“ / Wenn wir nicht nur Worte machen, sondern ganz handfest Nächstenliebe üben. Da ist jeder gefragt, jeder gefordert! Für dieses Netzwerk gelebter Nächstenliebe braucht es Sie und Dich, liebe Schwestern und Brüder in Christus Jesus!

Amen.