Jubilate, 12. Mai 2019: Johannes 15, 1-8

Nicht von Freudlosigkeit und von all den Miesmachern im Leben soll gesprochen sein, nein, sondern davon, dass wir alle in dieser Welt trotz Angst, trotz Krisen und Konflikten ganz viel Grund haben zur Freude, zur Heiterkeit, zum Humor, zum Jubel gar! Selbst dann, wenn wir knapp davor sind, zu verzagen / aufzustecken / den Bettel hinzuwerfen – selbst dann, wenn wir fragen: ›Wozu das Alles / Wofür setze ich mich eigentlich noch ein und warum mühe ich mich so ab?‹ – selbst dann noch haben wir allen Grund zur Freude, zur Heiterkeit, zum Humor, zum Jubel gar! Nur – worin denn liegt dieser Grund?

Hören wir den Predigttext für den heutigen Sonntag ›Jubilate‹ – aus Joh. 15, die Verse 1-8 – Christi Wort:

»Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. Eine jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt ER weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt ER, damit sie noch mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das Ich euch gesagt habe. Bleibt in mir, und Ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich selbst heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und Ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt, und es wird euch zuteil werden. Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.«

Von GOTT geliebte Gemeinde!

›Na gut, das Bildwort vom Weinstock, das kenne ich / das habe ich oftmals gehört – aber: Wieso habe ich daraus allen Grund zur Freude und zum Jubel gar?? Mir das klarzumachen, darauf will der Pfarrer ja wohl hinaus – trotzdem: ich verstehe das nicht …‹

Vielleicht denkt und empfindet jemand unter uns so. Hoffentlich denkt er nachher: ganz anders!

Das Bildwort vom Weinstock …: Mich fasziniert immer wieder, wenn ich durch einen Weinberg gehen kann. Schon die ganze Anlage begeistert mich – und wenn´s ins Frühjahr geht und später in den Herbst / wenn schließlich die Blätter sich unbeschreiblich prächtig färben, wenn die Trauben in der Sonne glänzen: das ist doch einfach wunderschön! Wer sich darüber nicht freuen kann, ist das nicht ein armseliger Mensch? Ich jedenfalls kann nur dastehen, meine Augen aufklappen, staunen und mich aus der Seele heraus wahrhaft freuen!

Aber – so ein Weinstock: eigentlich ein seltsam knorriges Gewächs. Merkwürdig verdreht, irgendwie sogar hässlich, ziemlich unansehnlich. Besonders im Winter ist an so einem Weinstock ja nichts dran, was eines Blickes wert sein müsste. Eher wie tot steht er da – so, dass man Erbarmen mit ihm haben müsste!

Mit so einem Weinstock vergleicht sich Jesus von Nazareth, als er mit seinen Jüngern durch die Weinberge zieht und sagt: ›Wie ein Weinstock, so bin ICH für euch!‹

Was Jesus damit ausdrücken will? Vielleicht dies: ›Ich bin für euch da! Ich gebe euch Saft und Kraft zum Leben, Mumm und Mut: all das, was ihr braucht! Ich halte euch / ich lass euch wachsen und gedeihen, reifen und Frucht bringen. Ich, der Weinstock – und ihr dürft meine Reben sein!‹

Ist das nicht ein schönes, ein denk-würdiges, ein ermutigendes Wort? – Die Reben, sie wachsen – und sie verdecken schließlich die dürren, hölzernen Äste des Weinstocks. Die Reben, das sind zugleich die Triebe, aus denen die Blätter sprießen und die Blüten, die schließlich bis in den Herbst hinein zu Weintrauben heranwachsen …: ist das nicht einfach schön? Wunderbar? Herrlich?

›Ihr seid diese Reben‹, sagt Jesus von Nazareth. ›Ihr werdet gesehen, beachtet / auf euch kommt´s an! Ohne euch bliebe Ich ein dürrer, hölzerner Weinstock – ohne euch würden die Menschen über mich hinwegsehen, mich kaum beachten! Auf euch kommt´s also entscheidend an, ihr seid ganz wichtig! Mein Sinn, meine Bestimmung liegt in euch: für euch bin Ich gekommen, für euch bin Ich Mensch geworden, für euch lebe Ich, damit ihr ›viel Frucht‹ bringt, damit euer Leben gelingt und ins Ziel kommt!‹

Das ist die eine Seite. Die andere: Die Rebe kann nur am Weinstock wachsen und heranreifen. Ohne Weinstock ist sie nicht, wird sie nicht. Das heißt doch: Wir können nur leben, wir können uns nur prächtig entwickeln und Frucht bringen, wenn wir unsere Kraft aus diesem Weinstock ziehen / wenn wir mit diesem Weinstock Jesus Christus ganz fest verbunden sind! Ansonsten – verwelken wir, sterben wir ab, wird nichts aus uns. Die Reben, die keine Verbindung mehr zum Weinstock haben, die verdorren, fallen ab, gehen kaputt. Ohne den Weinstock: keine Rebe – ohne Jesus Christus: keine Frucht!

Eine Holztafel hängt neben der Tür in meinem Arbeitszimmer – mit dem Wort Jesu Christi drauf: »Ohne mich könnt ihr nichts tun!« Ich bin froh über dieses Wort. Es hilft mir, es trägt mich. Es lässt mich ruhiger werden und gelassener die Dinge angehen. Es lässt mich ins Gebet finden. Wenn ich freitag-vormittags am Schreibtisch sitze und die nächste Predigt vorbereiten möchte, dann hilft es mir, zu erkennen: ›Ohne Christus kannst du nicht recht predigen / ohne Christus kannst du deine Arbeit nicht recht tun / ohne Christus kannst du manches schaffen, aber nicht ›viel Frucht‹ bringen / ohne Christus kannst du nicht wahrhaft strahlen, lachen, fröhlich und zuver-sichtlich sein, jubilieren gar!‹

»Ohne mich könnt ihr nichts tun«: Dieses Wort könnte erschrecken: ›Ja, ist denn alles andere nichts wert? Und – was ist denn dann mit all den vielen Ungläubigen, mit diesen Atheisten da und mit all denen, die nicht mehr unters Gotteswort kommen?‹ – Christi »Ohne mich« gilt auch ihnen – hoffentlich lassen sie sich von Christus hinterfragen! / Christi »ohne mich« kann mich warnen und zurück-pfeifen / kann mich zurückholen von einem Denken, als müsste ich selbst alles im Griff haben und als hätte ich alles im Griff. Christi »ohne mich« befreit mich von einem Denken, als käme alles auf mich an / als könnte die Welt an mir und meinem Wesen genesen / als müsste ich alles schaffen … Von solch gefährlichem Denken, von solch armseligen Gedanken befreit mich Christi »Ohne mich könnt ihr nichts tun!« Christi »ohne mich« bewahrt mich davor, mich zu verrennen, mich zu verheben, überheblich zu werden, mich selbst zu verlieren. Ich bin es doch nicht, der die Dinge steuern kann, der die Fäden allesamt in der Hand hält – ich bin es doch nicht, der für eine volle Kirche sorgt: so wichtig und wünschens-wert und nötig das auch ist!

»Ohne mich könnt ihr nichts tun«, nichts, was Bestand hat, was Frucht bringt. Nicht umsonst lädt Christus ein: ›Bleibt in mir! Ich will in euch bleiben, in euch wirken, euch zum Blühen bringen und zur Frucht – aber: dann müsst ihr auch in mir bleiben!‹

Nun könnten wir meinen: ›Wenn´s nicht mehr ist, dann ist das kein Problem. Wenn´s nur um das Bleiben, um das Drinbleiben geht. Dann brauchen wir ja im Grunde nichts mehr tun, wir dürfen nur eben nicht weglaufen.‹

Verschiedene Menschen verstehen und leben ihr Christsein so. Sie bleiben in der Kirche und laufen nicht weg. Sie sprechen sehr überzeugt und scheinbar über-zeugend von ihrem Glauben, den sie ganz gut auch ohne Kirche und ohne Bibel leben könnten – jedoch: ›viel Frucht‹ bringen sie nicht. Sie lesen nicht in der Bibel, sie kommen nicht in den Gottesdienst (höchstens, wenn´s nicht anders geht) – sie leben ihr Leben, fragen aber nicht danach, was GOTT für ihr Leben will, was GOTT von ihnen erwartet. Von vielen Früchten ist nichts zu sehen. Sie welken noch nicht einmal, weil sie schon gar keine Blüte hervorbringen. Sie fallen nicht auf, sie strahlen nicht und leuchten nicht, sie bleiben blass und unschein-bar. Sie tun so, als ob sie dazugehörten – aber dann kommt es nicht dazu, dass sie ›viel Frucht‹ bringen, dass sie GOTT verherrlichen und erfreuen. Davor schrecken sie zurück, auch davor, allein in die Kirche zu gehen – das ist ihnen zu viel, das könnte ja auffallen! Was dann, wenn die Nachbarn fragen … Nein, lieber nicht auffallen, lieber nicht auftreten, lieber in der breiten, schleimigen, grauen, farblosen Masse mitschwimmen …

In Christus zu bleiben, in Christus zu leben: das muss in dieser Welt auffallen – ansonsten stimmt da Entscheidendes eben nicht! Diese Anfrage muss sich jeder gefallen lassen, der meint, er könnte mit seinem billigen Christsein durch-kommen. Hören und beachten wir bitte Christi Wort: ›Wer keine Frucht bringt, der wird von GOTT fortgeworfen!‹ Was verdorrt / was nichts wert ist, das wird fort-geworfen. Doch – GOTT will uns ja gerade nicht fortwerfen! Es ist Sein guter Wille für uns, dass wir in dieser Welt ›viel Frucht‹ bringen / dass wir etwas sind zum Lobe seines Namens / dass GOTT sich über uns freuen kann und unsere Mitmenschen ebenso! ›Viel Frucht‹ bringen, das können und das werden wir, wenn wir an Ihm bleiben, wenn wir in Seiner Liebe, in Seiner Menschen-freundlichkeit leben! Wenn wir Ihm glauben und vertrauen!

»Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben«, sagt Jesus, »dann werdet ihr bitten, was ihr wollt – und es wird euch geschenkt!« Amen.

Dr. Hans-Gerd Krabbe, Pfarrer