Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 19.8.2018

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Der Predigttext für heute Morgen, aus Apostelgeschichte 3,1-10.12a.16

»Petrus und Johannes nun gingen hinauf in den Tempel zur Zeit des Gebets, um die neunte Stunde. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war; den setzte man täglich vor das Tempeltor, welches ‹das Schöne› genannt wird, damit er die Tempelbesucher um ein Almosen bitten konnte. Als der nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel gehen wollten, bat er sie um ein Almosen. Petrus aber sah ihm in die Augen, und mit Johannes zusammen sagte er: ›Schau uns an!‹ Er sah sie an in der Erwartung, etwas von ihnen zu erhalten. Petrus aber sagte: ›Silber und Gold besitze ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth, steh auf und zeig, dass du gehen kannst!‹ Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf; und auf der Stelle wurden seine Füße und Knöchel fest, und er sprang auf, stellte sich auf die Füße und konnte gehen; und er ging mit ihnen in den Tempel hinein, lief hin und her, sprang in die Höhe und lobte Gott. Und das ganze Volk sah ihn umhergehen und Gott loben. Sie erkannten aber in ihm den, der sonst beim Schönen Tor des Tempels saß und um Almosen bat; und sie waren erschrocken und entsetzt über das, was ihm widerfahren war … Als Petrus das sah, wandte er sich an das Volk und sprach: ›… Weil er, den ihr hier seht und den ihr kennt, auf den Namen Christi vertraut hat, hat dieser Name ihm Kraft gegeben; ja, der Glaube, der durch Ihn gekommen ist, hat diesem die volle Gesundheit geschenkt vor euer aller Augen.‹«

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Da wird uns also eine Heilungsgeschichte erzählt. Sie endet mit Staunen und Entsetzen, mit Freude und mit Gotteslob! Ein von kleinauf, von Kindesbeinen an gelähmter Mann sitzt Tag für Tag vor dem Tempeleingang in Jerusalem und hält seine Hand auf / er bettelt und bittet die Pilger wenigstens um ein kleines Almosen …

Wer in den Innenstädten von Großstädten unterwegs ist, kennt sie. Sie sitzen auf dem Straßenpflaster, den Rücken an die Hauswand gelehnt, den Hut für ein paar Geldstücke neben sich, Gesicht und Augen auf den Boden gedrückt. Manch einer musiziert, ein anderer führt einen Hund bei sich, nur um stärker auf sich aufmerksam zu machen. Viele Menschen strömen an den Bettlern vorbei / berühren sie vielleicht mit einem flüchtigen Blick / stolpern womöglich über sie hinweg / empfinden sie womöglich als lästig, als ekelig. Anderen, wahrscheinlich vielen Christen fällt es nicht so leicht, sie da so sitzen zu sehen. Ihr Gewissen rührt sich: ›Soll ich nicht doch?? / Soll ich etwa nicht??‹ Doch schnell melden sich bestimmte Vorurteile zu Wort: ›Die betrügen ja doch nur. Die machen nur auf die Mitleidstour. Denen geht´s im Grunde gar nicht so schlecht. Die wissen ganz genau, wo sie was bekommen können …‹ Nun denn, der Bettler in der Hocke vor unserer Kirchentüre: könnte ich ihn fortschicken, als Störenfried abtun? Das doch wohl nicht! – Trotzdem: die Frage nagt: Wie verhalte ich mich angesichts eines Bettlers / eines Obdachlosen / eines Landstreichers? Wie gehe ich als Pfarrer um mit den Bettlern vor der Haustür? Gibt´s Geld, gibt´s etwas zu essen und zu trinken?

Petrus und Johannes, die beiden Apostel, kennen solche Menschen. Als sie diesmal in den Tempel wollten, sitzt da dieser Lahme. Unmöglich, ihm aus dem Weg zu gehen. Der sitzt da, ihnen direkt vor die Füße gelegt: was tun? Petrus und Johannes tun, was selbstverständlich sein sollte. Sie mogeln sich nicht vorbei, sie sprechen den Mann an: »Sieh uns an!«

Wie selten passiert es, dass wir den Menschen vor uns wirklich anschauen! Sogar Liebende verhalten sich so, schauen vielleicht auf die Rocklänge, auf die Oberweite, auf die Figur – aber ins Gesicht des geliebten Menschen? – Oft schauen wir aneinander vorbei (und reden dann auch aneinander vorbei). Viele Menschen zögern, werden unruhig und nervös und sogar aggressiv, wenn ein anderer sie länger als dreißig Sekunden anschaut. Manch einer hat Angst vor dem Blick des anderen / manch einer scheut die Offenheit – wo doch das Gesicht und die Augen eines Menschen der Spiegel seiner Seele sind, der Spiegel seines inneren Ich! Wie vieles lässt sich ablesen aus dem Gesicht und aus den Augen eines Menschen!

Nicht von ungefähr sprechen Petrus und Johannes den lahmen Mann an: »Sieh uns an!« Sie haben keine Angst vor dem Blickkontakt. Sie wollen den Menschen sehen, wie er ist – und dazu brauchen sie sein Gesicht, seine Augen! Schließlich öffnet der Kranke sein Gesicht …: das ist wohl der erste, notwendige, wohl sogar der entscheidende Schritt: dass ich Mensch mich öffne / dass ich mich zu erkennen gebe / dass ich ›meine Fensterläden‹ aufsperre / dass ich bereit werde für Gottes Wirken / dass ich GOTT und Seine Hilfe wirklich erwarte!

Wenn ich mich dagegen verschlossen halte / wenn ich lieber meinen alten Zweifeln an GOTT nachhänge / wenn ich im Tiefsten weiterhin denke: ›GOTT spricht mich ja doch nicht an, das sind alles höchstens fromme Töne!‹ / Wenn ich im Herzen denke: ›GOTT lässt mich ja doch links liegen / ER hilft mir ja doch nicht / in meinem Leben bleibt ja doch alles so verkorkst, wie es ist‹ – ja, wenn ich mit GOTT und Seinem Eingreifen partout nicht rechnen will, dann ist mir wahrscheinlich nicht zu helfen! Dann werde ich den lebendigen GOTT wahr-scheinlich nie und nimmer erfahren! Aber dieses Wort des Apostels: »Sieh uns an!« / oder dieses Wort Gottes (!): ›Sieh Mich an!‹ – dieses Wort trifft dich heute Morgen hier in dieser Kirche! Gott sagt dir heute Morgen auf den Kopf zu: ›Sieh mich an! Blick zu mir auf! Rechne mit mir! Lass dich von mir ansprechen und erwarte, dass du nicht umsonst heute Morgen hier bist! ICH, dein GOTT, will und muss mit dir reden!‹ – Wenn GOTT dich heute Morgen anspricht, dann darum, weil ER dich sieht und kennt, weil ER dich liebhat und weil ER es gut mit dir meint!

Also – dieser Lahme vor dem Tempeltor öffnete sein Gesicht, obwohl er von den Worten der beiden Apostel schwer überrascht wird. Normalerweise ja wirft man ihm höchstens was in den Hut – aber: dass man ihn anspricht?? – Petrus sagte zu ihm: »Gold und Silber habe ich nicht. Was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi …, steh auf und geh!«

Ich muss es wohl nicht extra betonen: Und dann steht doch dieser von kleinauf Gelähmte auf / nein, im Predigttext steht es viel schöner: »er wandelte und sprang und lobte GOTT!« Dieser Ex-Gelähmte verhielt sich nicht in steifen religiösen Konventionen, nein, er sprang drauflos und lobte GOTT / der tanzte Freudentänze und lobte GOTT voll überschwänglicher Herzensfreude! Der ließ sich nicht bremsen, der ließ seinen Gefühlen freien Lauf! Und das sogar mitten im Tempel! Also, liebe Leute, wo kämen wir denn da hin, wenn da einer hier in unserer Kirche seinem Glück oder andererseits auch seinen Tränen freien Lauf ließe??

Ich denke noch einmal zum Petrus hin. Wir könnten ihn voller Respekt bestaunen und bewundern: ›Mensch, was für ein Kerl! Auf ein Machtwort hin, und schon schüttelt der Kranke seine jahrelange Krankheit ab! Wenn es solche Leute doch auch heutzutage gäbe – und eben nicht solche Kurpfuscher und Scharlatane und Gurus. Solche wie den Petrus, solche brauchen wir!‹

Gut zuhören bitte: Was der Petrus tut, geschieht im festen Glauben zu GOTT und kann heutzutage ähnlich geschehen!!! / Was der Petrus tut, das tut er nicht aus eigener Kraft heraus, nein, sondern im Gebet / in der Vollmacht des Gebets! Im Gebet passieren bis heute unbeschreibliche Wunder!! – Was der Petrus tut, das bleibt nicht an der Person Petrus hängen, nein, Heilungswunder sind auch heute möglich, wo sie auf dem festen Fundament des Glaubens geschehen! Wenn es GOTT gefällt und für richtig hält / wenn es Gottes Willen entspricht / wenn Menschen zu GOTT darum beten und flehen / wenn ein Pfarrer einem Mitmenschen die Hand auflegt und den Namen Jesu Christi anruft und im Namen Gottes segnet: Wer könnte da einfach so behaupten, dass Heilungswunder heutzutage gänzlich unmöglich seien?? – Zusatzfrage am Rande: Wer aber nur ruft den Pfarrer herbei, zu sich / wer bittet ihn um Handauflegung? Dagegen: die Psycho-Praxen führen lange Wartelisten …

Gold und Silber haben sie nicht, die beiden Apostel. Aber sie haben einen Auftrag und die Rückendeckung Christi, sie handeln in der Kraft des Heiligen Geistes (!): »Im Namen Jesu Christi: steh auf und geh!« Wo dieser Name in Vollmacht angerufen wird / wo im Gebet mit GOTT gerungen wird, da bleiben Wunder nicht aus. Da lösen sich Verkrampfungen / da brechen Dämme / da geschehen Heilungen in Körper, Geist und Seele!

Aber – rechnen wir noch damit, dass GOTT so eingreift? / Dass auch heutzutage Heilungen erfolgen? / Trauen wir es GOTT zu, dass Menschen herauskommen aus ihrer Krankheit, aus dem Tief ihrer Depressionen, aus dem Tal ihrer Tränen, aus Kummer, Leid und Schmerz? Trauen Sie GOTT solches zu??

›HERR, lass doch ein Wunder geschehen und Frau Y genesen!‹ – Wie oft steigen solche Gebete zum Himmel auf / Stoßseufzer am Krankenbett oder vor dem Operationssaal …/ Plötzlich ein Kind mit Down-Syndrom in die eigene Familie hineingeboren / eine ehemalige Konfirmandin, Herzklappenfehler / eine Musikerin, hochbegabt, leidet an Magersucht, sitzt vor einem vollen Essensteller und verhungert innerlich / eine Mutter, hilflos, tränenaufgeweicht am Telefon, weil ihre Tochter Drogen nimmt und sich ihr Leben ruiniert / ein Lehrer, urplötzlich von der Bildfläche verschwunden, wandert zur Chemotherapie …: was für Geschichten! Wohin damit?? Etwa nicht in den Gottesdienst?

Wie gesagt: Heilungswunder geschehen auch heutzutage. Es geschieht auch heute, dass Menschen wie durch ein Wunder wieder gesund werden. Doch solche Wunder geschehen nicht in jedem Fall und auch dann nicht immer, wenn Menschen einen anderen soz. durchbeten. Manche Krankheit und mancher Schmerz enthält Gottes direkte Botschaft an mich – nur: will ich hören? Durch manches, was mir Kummer macht, will GOTT direkt zu mir sprechen! Also – auch Krankheiten können ihren von GOTT gegebenen Sinn haben // aber ich behaupte damit nicht, dass GOTT jede Krankheit will! Ich behaupte nicht, dass GOTT sich freut über all die jungen Damen, die meinen, rauchen zu müssen, die ihren Körper schädigen: was denn dann, wenn diese jungen Damen eines Tages ein behindertes Kind zur Welt bringen?

Und noch etwas: Heilung bedeutet anderes und mehr, als gesund zu sein. Heilung fängt da an, wo ein Mensch sich voller Vertrauen GOTT zuwendet / wo ein Mensch GOTT wirken lässt / wo ein Mensch sich in Gottes Hände fallen lässt: »wie DU willst, nicht, wie ich will!« / »nicht mein, sondern Dein Wille, HERR, geschehe!«

Zurück zu Petrus und Johannes und dem Lahmen. Was hat diesen gesund gemacht?? Die Antwort finden wir in Vers 16: Der Glaube (!) hat ihn gesund gemacht! Christi Name hat ihn gesund gemacht! Nicht irgendeine Arznei / nicht die Heilkünste irgendwelcher Menschen sind´s, nein – der Glaube an Jesus Christus, der macht´s! Drum glaub IHM! Amen.

Dr. Hans-Gerd Krabbe; Pfarrer zu Achern; gehalten in der Christuskirche, Achern