Pfingsten

Johannes 16,7.8.13

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes
und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Taizé – ein kleines Dorf in Burgund. Unzählige Jugendliche treffen sich dort seit Jahrzehnten und solche, die jung geblieben sind. Zelte und Baracken, kein Komfort. Sprachen aus fast allen Nationen / Menschen aus verschiedenen Kontinenten / Christen aus allen Konfessionen: sie alle unterwegs zu den Quellen des Glaubens … // Mittagsgebet in der Versöhnungskirche: Betende in großer Zahl, Hunderte, oftmals Tausende. Am Boden hockend, kniend, auf dem Boden sitzend oder liegend. Dämmerlicht und Kerzen. Klassische Orgelmusik, aber ganz leise. Und dann fängt es an, nachdem die Brüder in ihren weißen Kutten eingezogen sind. Allmählich wird das Singen lauter: »Veni sancte spiritus … veni sancte spiritus …« Immer wieder dieselben Worte: ›Ja, komm, Heiliger Geist!‹

Pfingsten in Taizé – und Pfingsten hier bei uns. Fünfzig Tage nach Ostern. Auch in uns mag diese Bitte keimen: »Komm, Heiliger Geist!« / ›Komm, Schöpfer Geist! Erleuchte, bewege, begeistere uns! Erfülle unsere Herzen mit der Liebe Christi! Komm und erfrische unseren Glauben! Weck Glaubensmut in uns und Glaubensheiterkeit, stärke unsere Glaubenshoffnung!‹

Pfingsten – das Fest des Heiligen Geistes, der Geburtstag der Kirche Jesu Christi.

In der Apostelgeschichte wird davon erzählt. In Jerusalem wimmelt es wieder einmal an Menschen. Mitten in dem Stimmengewirr auf einmal ein gewaltiges Brausen, die Erscheinung von Feuerzungen gar. Menschen voller Begeisterung, völlig verwandelt! Nichts mehr zu spüren von Trauer und Ratlosigkeit, von Enttäuschung und Frust, weil der Auferweckte von ihnen gegangen war – nein, ganz anders: Freude, Jubel, Frohsinn, Heiterkeit! Menschen unterschiedlichster Sprachen verstehen sich, fallen sich um den Hals und in die Arme, jubeln und loben Gott!

Pfingsten 2011 – in unserer Gemeinde, in unserer Stadt. Kein Brausen, kein Zungenreden, keine überschäumende Begeisterung, kein Jubelsturm. Könnte man meinen, der Geist sei fortgezogen oder noch nie angekommen? / Wo und wie sollte der Geist Gottes wirken und wirbeln können in einer Welt, in der für alles Mögliche Platz ist – aber nicht für den Geist Gottes?? / Hat der Heilige Geist denn eine Chance, bei uns und in uns anzukommen? / Findet der Heilige Geist denn noch Einfallstore in einer Welt, in der alles geplant und strukturiert und durchorganisiert und verwaltet wird?? Wo alles nach Plan funktionieren muss, wo für Phantasie, Kreativität und Spontanität kaum noch Platz bleibt??

»Komm, Schöpfer Geist« – diesen Gebetswunsch will ich hinaustönen in die weite große Welt und in meine kleine eigene Welt: »Komm, Schöpfer Geist!« – wo sie vieles alles andere als geistvoll geschieht, wo sich in fast allen Bereichen große Ratlosigkeit breit gemacht hat …
Ja, guter Rat ist teuer / Gottes Geist dringend nötig!

Viele junge Menschen in unserer Gesellschaft wissen mit ihrem Leben nichts anzufangen, sehen keine Perspektive. Wozu lernen, wozu arbeiten, wenn´s keinen Arbeitsplatz gibt, der Erfüllung bringt? – Alte Menschen fühlen sich überflüssig, empfinden sich als Last für andere. – Immer mehr Menschen stehen unter enormem Druck! Immer mehr Menschen leiden darunter, wie ›kalt‹ es in den zwischenmenschlichen Beziehungen geworden ist, wie die Gewalt-bereitschaft steigt, wie herz- und lieblos und geistlos vieles zugeht. Wie viele Menschen sind innerlich hohl und leer, ausgebrannt, wurzellos, enttäuscht, verbittert, ohne Glauben, ohne Vertrauen, ohne Hoffnung!

Es braucht kein Brausen vom Himmel, aber es braucht eine starke Sehnsucht! Es braucht ein feines Gespür für Gott, den Liebhaber allen Lebens und den Liebhaber aller Menschen. Es braucht die Geistesgegenwart Gottes: Gottes Heiligen Geist! Den Geist, der uns sagt: ›Es lohnt zu leben. Du, in dir stecken so viele Talente, so viele Gaben, auch Geistesgaben: entwickle sie und leb sie aus! Du, es gibt eine Hoffnung, die trägt – einen Glauben, der stark macht – ein Ziel, das dir bestimmt ist: ein Leben in Gottes neuer Welt, in Seiner Herrlichkeit!

Drum leg die Hände nicht in den Schoß. Leiste deinen Beitrag zum Wohle aller, bring dich ein und misch dich ein und engagiere dich, auf dass Gott Seine Freude an dir hat und deine Mitmenschen ebenso! Denk daran, du kannst viel mehr Gutes tun, als du denkst!‹

Hören wir Christi Wort für heute – aus Johannes 16, die Verse 7.8.9.13:

»Aber Ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass Ich weggehe. Denn wenn Ich nicht wegginge, käme der Tröster nicht zu euch. Wenn Ich aber gehe, werde Ich ihn zu euch senden.

Und wenn er kommt, wird er der Welt zeigen, dass sie im Unrecht ist; er wird den Menschen die Augen öffnen für die Sünde, für die Gerechtigkeit und für das Gericht. Er wird ihnen zeigen, worin ihre Sünde besteht: darin, dass sie mir nicht glauben.

Wenn aber der Tröster kommt, der Geist der Wahrheit, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, das wird er euch verkündigen.«

Liebe Gemeinde!

Vom Beistand ist die Rede, vom Helfer, vom Tröster – grch. vom Parakleten / also von dem, der herbeigerufen wird, der zur Hilfe gerufen wird, der aufrichtet und wahrhaft tröstet. Diesen Heiligen Geist, diesen Beistand, diesen Tröster: wie nötig haben wir ihn alle! Den Geist, der uns aufrüttelt, aktiviert und unsere Sinne neu ausrichtet. Diesen Geist haben wir nötig, der uns befreit aus aller Geistlosigkeit, aus aller Lethargie und Depression, aus allen Selbstzweifeln. / Den Geist haben wir nötig, der uns befreit von allen Ungeistern und teuflischen Mächten, die auch nach uns greifen wollen. Gottes Heiligen Geist haben wir nötig, der unsere Augen öffnet für die Sünde, für die Gerechtigkeit und für das Gericht! Sünde – das heißt doch: nicht an Gott glauben / nicht mit Gottes lebendigem Wirken rechnen / auf sich selbst setzen und bauen. Gerechtigkeit – damit ist Gott selbst gemeint. Und »Gericht“« Aber wer will denn noch etwas hören vom Gericht Gottes, von Schuld und Vergebung?? – Die Rede von Sünde und Gericht, von Buße und Demut, die schmeckt uns nicht, die wollen wir am liebsten ganz schnell abtun – aber: der Heilige Geist Gottes muss uns wohl erst einmal die Augen dafür öffnen, wie es um uns steht, wie sehr wir Gott nötig haben und was ER, unser Gott, für uns tut!

ER jedenfalls will es wohlmachen mit dir und deinem Leben!

Gottes Heiliger Geist ist diese Kraft, die wir täglich brauchen. Diese Kraft, die uns antreibt und aufleben lässt / die Kraft, die uns lieben und hoffen lässt! Gottes Heiliger Geist ist diese Kraft, die uns immer wieder aufstehen und neu anfangen lässt: in der Familie und am Arbeitsplatz und auch in der Gemeinde. Diese Kraft, die uns nach oben zieht und eben nicht nach unten / diese Kraft, die ankämpft gegen alle Verzweiflung und Enttäuschung. Diese Kraft Gottes zieht mich: zieht mich weg aus dem Strudel der Sünde und Gottvergessenheit, zieht mich hinein in die Gewissheit des Glaubens und in eine tiefe Geborgenheit in Gott. Diese Kraft zieht mich weg von Hass und Neid und Gier – diese Kraft zieht mich hinein in ein ganz neues Leben mit Gott!

Seinen Heiligen Geist brauchen wir, den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit – den Geist der Wahrheit, der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit – den Geist der Freiheit, der Freude und des Friedens!

Albert Albrecht schrieb:
»Die Sache Christi braucht Begeisterte.
Sein Geist sucht sie auch unter uns! Er macht uns frei, damit wir einander befreien. Wer friedlos ist, wer Hass im Herzen trägt, wer entzweit lebt: wer befreit sie zum Frieden? / Wer verzweifelt ist, wer verbittert klagt, wer entfremdet lebt: wer befreit sie zur Hoffnung? / Wo Fronten sind, wo Grenzen trennen, wo Mauern stehen: wer befreit zum Gespräch? / Wo Schreie sind, wo Hunger herrscht, wo Elend haust: wer befreit zur Gerechtigkeit? / Wo Kriege sind, wo Schüsse fallen, wo Gefangene leiden: wer befreit zum Leben? – Die Sache Christi braucht Begeisterte. Sein Geist sucht sie auch unter uns! Er macht uns frei, damit wir einander befreien!«

›Komm, Schöpfer Geist, erfülle, bewege, begeistere uns!‹

Amen.