Palmarum, Achern, 14. April 2019: Jesaja 50,4-9

… ein Mann, 50 Jahre alt, monatelang in der Psychiatrie. Er hatte Geburtstag – und mir war es wichtig, gerade ihn zu besuchen. ›Was da nur sagen‹, ging mir durch Kopf und Herz. ›Wie da trösten?‹ – Ich wusste, der Mann hatte sich verändert / auch nach außen hin, bis in Gesicht und Körperhaltung hinein war er stark gezeichnet. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte: schon kamen die ersten Tränen. Von Freude, einander zu sehen / von Geburtstagsfreude gar: keine Spur! Nur wenige Augenblicke …, und sein schweres Leid sprudelte aus ihm heraus. Dieser Mann war so gebeugt, so niedergedrückt, so gekrümmt wie noch nie in seinem Leben. ›Können Sie sich vorstellen, wie es in der Psychiatrie zugeht? Niemand kümmert sich um einen, niemand hat Zeit. Die Mitarbeiter sind überfordert. Angehörige besuchen einen nicht oder nicht mehr oder nur noch höchst selten. Mit manchen Menschen hier redet tagelang niemand! Es ist furchtbar …!‹

›Tagelang redet niemand mit einem …‹: dieser Satz ging mir nach. Kein ›Guten Morgen‹ also, weder ein mürrisch-muffliges noch ein strahlend-fröhliches. Kein ›Gute Nacht, schlaf gut‹, kein zärtliches, kein beruhigendes Wort. Kein ›Wie war´s heute?‹ Tagelang redet niemand mit mir?? / Tagelang hört mir niemand zu?? Eine erschreckende, furchtbare Vorstellung!

Wie Schuppen fällt mir´s von den Sinnen: dass es gar nicht selbstverständlich ist, wenn ich Menschen kenne, die mir zuhören, die mit mir sprechen, auch über das, was mich belastet. Dass es Mitmenschen gibt, die ein offenes Ohr und ein offenes Herz für mich haben. Wie gut tut es, liebe Mitmenschen an seiner Seite zu haben / Menschen, die mir gut sind und denen ich etwas bedeute / die meine Freuden und mein Glück mit mir teilen, aber auch meine Ängste, meine Sorgen!

– Deuterojesaja, so wird er genannt, ein Prophet unter den Gefangenen in Babylon, in der Zeit 587 ff vdZ. – er war einer von denen, der zuhören konnte, der Zeit hatte für andere und der ihre Klagen wie auch ihre Hoffnungen in sich aufnahm. Wer auch immer dieser sog. zweite Jesaja war: er teilte die Leiden und Nöte der Gefangenen – mehr noch: aus der Tiefe heraus konnte er sie aufrichten und trösten!

Hören wir seine Worte aus Jesaja 50, die Verse 4-9:

»GOTT, der HERR, hat mir die Zunge eines Schülers gegeben,

    damit ich den Müden zu helfen weiß mit einem Wort.

ER weckt mich alle Morgen, ER weckt mir selbst das Ohr,

    damit ich höre wie ein Schüler.

GOTT, der HERR, hat mir das Ohr aufgetan,

    und ich bin nicht ungehorsam,

    weiche nicht zurück.

Denen, die schlugen, habe ich meinen Rücken dargeboten,

    und meine Wangen denen, die mich an den Haaren rissen,

gegen Schmähungen und Speichel habe ich mein Angesicht nicht verdeckt.

GOTT, der HERR, aber steht mir bei!

    Darum bin ich nicht zuschanden geworden.

Darum habe ich mein Angesicht wie Kieselstein hart gemacht,

    ich wusste, dass ich nicht in Schande geraten würde.

ER, der mir Recht schafft, ist nahe!

    Wer will mit mir streiten? Lasst uns zusammen vortreten!

    Wer ist Herr über mein Recht? Er soll zu mir kommen!

Seht, GOTT, der HERR, steht mir bei und hilft!«

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Sechs Verse sind´s, und immerhin viermal begegnet die Wendung »GOTT, der HERR!« – Wer ist eigentlich der Herr dieser Welt, der Herr im Ringen der Geister und Mächte, wer ist der Herr in meinem eigenen Leben? / Wer hat da das Sagen / wer gibt den Ton an / wer regiert? – Für den Propheten ist die Antwort klar: »Gott, der Herr, regiert!« / »Gott, der Herr, hat mir eine gelehrte Zunge gegeben … ER weckt mich alle Morgen, ER weckt mir selbst das Ohr!«

Dieser Prophet könnte nicht hören, wenn Gott ihm nicht täglich neu das Ohr öffnete – dieser Mensch könnte nicht reden, wenn ihm nicht gesagt wäre, was und wann und wie er zu reden hat!

Wir, wenn wir nicht gar mundfaul sind – wir machen gemeinhin viele Worte. Manche Menschen reden viel zu viel, manchmal ist´s nur ›heiße Luft‹ / nicht selten gar sind es Worte, die man besser nicht gesagt hätte. Was beim Propheten auffällt (?): der denkt, bevor er spricht / mehr noch: der hört, bevor er denkt! Der hört zuallererst auf GOTT! Und dann erst fängt er an zu denken – und dann erst an zu reden! Wen wundert´s: Was er sagt, das hat ›Hand und Fuß‹! Seine Worte strömen Kraft aus, man spürt es: da steckt etwas dahinter! Seine Worte richten selbst Müde, selbst Lebensmüde auf! Was er sagt, das sind nicht aalglatte Richtigkeiten, das sind Worte von anderswoher, Worte, die einen innerlich aufbauen! Und dennoch: mit dem, was er sagt, eckt er an bei den vermeintlichen Herren dieser Welt / die setzen ihm zu, weil er eben nicht stromlinienförmig spricht, so, wie sie es erwarten. Ja, wer im Namen Gottes spricht, der hat es alles andere als leicht / der erntet Widerspruch / der gerät in Anfechtung und Einsamkeit! Vieles ist diesem Mann Gottes widerfahren: Gewalt, Verachtung, Spott – aber er hält dies aus! Er hält Kurs! Er weicht nicht zurück. Seine Losung: »Immer auf Gott zu vertrauen, das ist der beste Weg!« Er weiß: GOTT hält zu mir, GOTT steht hinter mir, hilft mir, gibt mir die nötigen Kräfte, lässt mich nicht fallen! Dieses Wissen / dieses Grundvertrauen macht ihn stark! Dieser Mann Gottes, er hat es bisher schon erlebt, und deshalb weiß er es: »Aber der HERR hilft mir!« In ganz großen, unübersehbaren Buchstaben möchte ich diesen einen Satz über dein und über mein Leben schreiben: »Aber der HERR hilft mir!« Nicht umsonst steht da ›das große Aber‹ am Anfang, denn es gibt ja die Erfahrungen, die niederdrücken, die von GOTT wegdrücken wollen – und doch weiß dieser Deuterojesaja, er glaubt es feste: »GOTT hilft mir!« In dieser großartigen Gewissheit kann er leben / lässt sich´s leben!

Das, was da in Vers 4 steht: »Der HERR hat mir eine gelehrte Zunge gegeben« – das mag Pfarrern gefallen, aber vor dem, was da in den weiteren Versen folgt, wollen wir uns am liebsten drücken. Es ist ja so leicht, sich anzupassen, ›mit dem Strom der Zeit zu schwimmen‹ / nachzuplappern, was alle anderen schon längst gesagt haben – es ist so leicht, um des vermeintlich lieben Friedens willen klein beizugeben … Wer denn kennt dies nicht: das innere Verlangen, beliebt sein zu wollen, angesehen und anerkannt zu sein? Es mit niemandem verscherzen oder gar verderben zu wollen? Wer denn hat schon Mumm und Mut genug, aufzustehen und aufzutreten und in aller Entschiedenheit nein zu sagen, womöglich mit der Bibel in der Hand?? Wer wagt es, sich auf Bibel und Bekenntnis zu berufen und damit dem landeskirchlichen Mainstream und selbst dem Bischof zu trotzen? Wer denn lebt in der königlichen »Freiheit eines Christen-menschen«, »ja zu sagen oder nein«? Wer wagt es, unbequem zu sein und kritische Fragen zu stellen? Um Gottes willen und um der Menschen willen Widerspruch einzulegen und anzuecken? Wenn es denn sein muss: gegen den Zeitgeist auf Konfrontationskurs zu gehen? Sind wir nicht schnell dabei, den Kopf einzuziehen und zu kuschen?

Liebe Leute – »aber der HERR hilft mir!« Der HERR hilft mir, zum Glauben zu stehen, diesen Glauben auszuleben und vorzuleben – ohne Menschenscheu!

– Der Palmsonntag nimmt uns mit auf den Weg in die ›stille Woche‹, in die Kar-Woche – auf den Weg, den Jesus Christus durch Leiden, Kreuz und Sterben gegangen ist. Wir sollten die Tage der ›stillen Woche‹ nicht vorübergehen lassen, ohne den Leidensweg Jesu zu bedenken – ohne zu bedenken, dass wir einen HErrn haben mit einem ganz weiten Herzen für uns Menschen! Wir kennen den Einen, von dem das Glaubensbekenntnis sagt: »gelitten – unter Pontius Pilatus gekreuzigt – gestorben und begraben – hinabgestiegen in das Reich des Todes …« Für uns ist dies alles geschehen! Christus hat für uns gelitten!

Doch wenn unser HErr gelitten hat, dann kann wohl auch unser Erdenweg nicht ohne Leid sein. Dann werden auch die, die sich auf Ihn berufen: immer wieder auch leiden! An dieser Welt leiden / an ungerechten Verhältnissen leiden / an Menschen leiden, die schwer auszustehen sind, die ein gespaltenes Verhältnis zur Wahrheit haben oder die gar Böses im Sinn führen … Dann werden wir mitleiden mit anderen Menschen: mit dem Mann in der Psychiatrie / mit denen, die einsam sind und traurig / mit den Menschen, die in unserer Gesellschaft keine Stimme haben und keine Lobby …

»Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel«, heißt es beim Propheten – doch genauso: »Aber der HERR hilft mir« in allem, was ich erlebe!

Wir mögen manches Mal den Eindruck haben, GOTT sei weit weg, wenn wir leiden – das Gegenteil ist der Fall! Gerade im Leiden ist GOTT gegenwärtig! Ganz nah bei mir! Unbegreiflich nah! ER leidet mit! Gerade wenn ich IHN am nötigsten brauche: gerade dann sollte ER mich vergessen haben?? Nein – gerade im Leiden trägt ER mich! Wo ich bei den Fußspuren im Sand nur meine eigenen Spuren sehe, da irre ich mich: es sind Gottes Fußspuren, die mich tragen! Amen. 

Dr. Hans-Gerd Krabbe