9. Sonntag nach Trinitatis Achern, 29. Juli 2018: Jeremia 1,4-10

Unser aller Anfang und unser aller Hilfe sind in dem HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat, der Wort und Treue hält ewiglich und der nicht preisgeben will auch nur irgendein Werk Seiner Hände! Amen.

 

In der Predigt heute Morgen geht´s um einen Mann aus alter Zeit, aus der Zeit vor gut 2.600 Jahren. Da lebte er, der Mann mit Namen Jeremia, Sohn des Priesters Hilkia aus Anatot im Lande Benjamin, nordöstlich von Jerusalem, geboren um das Jahr 650 v.Chr. herum. Seinen Tod fand er wohl um 580 im Lande Ägypten. Jeremia wirkt als Prophet und durchlebt und durchleidet in seinem Amt die Zeit von 627-587, d.h. die Zeit von König Joschija am Anfang und die von König Zedekija am Ende – er erlebt den Untergang Jerusalems samt Tempelzerstörung nach zehnjähriger Belagerungsphase. Jeremia wurde verfolgt und eingesperrt, wegen angeblicher Gotteslästerung angeklagt – der Zugang zum Tempel wurde ihm verwehrt. Er erlebt, was es heißt, einsam und verlassen zu sein. Was es heißt, Todesängste auszustehen, das erfuhr er tief unten in einer Zisterne, in schlammiger Brühe, als ihm das Wasser bis zum Halse emporstieg …

Jeremia – das Fremdwörterbuch kennt den Begriff der ›Jeremiaden‹ und übersetzt: ›Gejammer‹. Als ob Jeremia der große Jammerer sei, der sprich-wörtliche ›Jammerlappen‹ / der Wehleidige, der nur noch jammern kann … Doch wer so urteilt, hat einen Jeremia nie tiefer kennen gelernt!

Heute Morgen nun die Worte Jer. 1,4-10:

»Und das Wort des HERRN erging an mich: ›Bevor ich dich gebildet habe im Mutterleib, da habe ICH dich schon gekannt / und bevor du aus dem Mutterschoß gekommen bist, da habe ICH dich geweiht, zum Propheten für die Nationen habe ICH dich bestimmt.‹

Doch ich erwiderte: ›Ach, HERR, HERR, sieh, ich weiß nicht, wie man redet, ich bin ja noch zu jung!‹

Der HERR aber sprach zu mir: ›Sag nicht: Ich bin noch zu jung. Wohin ICH dich auch sende, dahin wirst du gehen, und was immer ICH dir gebiete, das wirst du sagen. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ICH bin bei dir, um dich zu retten!‹ Spruch des HERRN.

Dann streckte der HERR Seine Hand aus und berührte meinen Mund, und der HERR sprach zu mir: ›Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, am heutigen Tag setze ICH dich über die Nationen und über die Königreiche, um auszureißen und niederzureißen, um zu zerstören und zu vernichten, um zu bauen und zu pflanzen.‹«

 

Von GOTT geliebte Gemeinde!

»Ach, Herr« – dies sind die beiden ersten Worte, die wir aus dem Munde des Propheten Jeremia vernehmen. »Ach, Herr!« Was für ein Seufzer! ›Das fängt ja gut an!‹ – »Ach, Herr, ich verstehe nicht zu reden, ich bin noch zu jung!« Ist es so, dass Jeremia sich nichts zutraut und dass er GOTT (!) nichts zutraut? Dass er im Kleinglauben und Zweifel versinkt? Dass er sich wehrt gegen die göttliche Berufung, gegen die Bestimmung, ›nabi‹ zu sein, also Prophet, also Sprachrohr und Mundwerkzeug Gottes?

Wer meldet sich da schon freiwillig! Wer steht da von sich aus auf und hin und sagt von sich aus: ›Hier, GOTT, ich mach´s!‹ (?) / ›Mit mir kannst DU rechnen, auf mich kannst DU bauen!‹ (?)

Jeremia ist kein frommer Superstar. Er schreckt zurück. Der Auftrag, das Amt scheint ihm mehr als nur ›eine Nummer zu groß‹, er zaudert und zögert nicht nur. ›Ach, HERR, such´ dir doch jemand anderes, jemand besseres als mich, DU findest bestimmt jemanden!‹

Kennen Sie solche Verse / solche Ausflüchte / solche Versuche, sich davonzumachen, ›sich vom Acker zu stehlen‹? Solche Versuche, auszuweichen und zu kneifen, sich vor der Verantwortung zu drücken? ›Sollen´s doch die anderen machen, aber ich doch nicht! Warum ich, ausgerechnet ich?? Sollen doch die anderen den ersten Schritt tun, sollen doch die anderen sich einmischen und helfen oder Hilfe herbeirufen‹ – Nur: Kann denn die Devise sein: wegschauen? Keinen Finger rühren? Nichts hören, nichts sehen, nichts tun? Wie ist das mit den sog. ›Angsthasen‹? Wie ist das mit der sog. Zivilcourage? Ein Fremdwort?

»Ach, HERR‹, tönt´s aus dem Jeremia heraus. ›Ach, Mutter‹, sagt die Jugendliche, ›ach, Frau‹, vielleicht der Ehemann. Und stets ist Ablehnung spürbar, Distanz greifbar – dabei weiß jeder im Grunde seines Herzens genau: ›Ich bin gefragt, ich bin dran, ich muss helfen, ich kann nicht kneifen!‹

»Ach, HERR« – doch dieser HERR ignoriert das ›Anti-Bewerbungsgespräch‹ des Jeremia, ignoriert all seine Versuche, sich selbst kleiner zu machen. GOTT wiederholt Seinen Auftrag: Jeremia soll gehen und predigen im Namen Gottes, frei und fernab von aller Menschenscheu. Er soll sagen, was im Namen Gottes zu sagen ist: ohne Ansehen der Person, also ohne danach zu schielen, ob er nun einen König vor sich hat, einen Fürsten oder einen Priester. Bei alledem erhält Jeremia eine Generalversicherung: denn GOTT versichert ihm Seinen Beistand, immer und überall, in jeder Lebenslage! »Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ICH bin bei dir!« Das sagt und behauptet nicht irgendwer, nein, diese feste Zusage macht kein anderer als der lebendige GOTT in all Seiner Vollmacht!

Wie verhält es sich mit den ›ministern verbi divini‹ heutzutage, mit den ›Dienern am Worte Gottes‹? Stehen sie mit dem Anspruch auf der Kanzel, dass GOTT selbst durch sie hindurch zu den Menschen spricht? – Verkündigung heutzutage: angepasst an den Zeitgeist (?), ausgerichtet an dem Programm einer politischen Partei, ohne Ecken und Kanten, stromlinienförmig, so, dass niemand in Frage gestellt wird und niemand zu fragen anfängt? Dass niemand kritisiert wird oder gar in heilige Unruhe gerät? Dass niemand recht getröstet wird?

Also: Kann es sein, dass GOTT auch heutzutage Menschen so in Beschlag nimmt / dass GOTT auch heutzutage Menschen so in den Dienst zieht und nimmt wie den Jeremia damals? Kann es sein, dass GOTT mit dir etwas vorhat, mit dir etwas anfangen will; dass ER dich gebrauchen will in dieser Seiner Welt?? Kann das sein??

Dem Zauderer namens Jeremia begegnet GOTT mit der mächtigen Zusage: »ICH bin mit dir!« – Begegnet GOTT nicht auch dir mit dieser Zusage??

Bereits vor seiner Geburt kannte GOTT ihn, ja, GOTT selbst bereitete ihn im Mutterleibe: Gilt das nicht auch für dich und mich? Ist es denn etwa nicht so, dass GOTT dein und mein Leben will? Ist es denn etwa nicht so, dass GOTT etwas ganz Bestimmtes mit dir und mir vorhat und dass ER eines Tages dein und mein Leben vollenden will in Seinem Reich der Himmel??

Nun denn – GOTT lässt nicht locker. ER sendet den Propheten zu predigen, ER stärkt ihn für diese Aufgabe, ER ›konfirmiert‹ ihn gleichsam: eine ›Festung‹, eine ›Eisensäule‹, eine ›Eisenmauer‹ wird der Mann Jeremia sein. Zugesichert ist ihm der Beistandspakt Gottes – aber er muss wissen: Die Sache des Glaubens / die Sache Gottes ist alles andere als ›ein harmloses Vergnügen‹ – Anfeindungen stehen bevor und schwierige Zeiten, auch Zeiten großer Anfechtungen, wo es eben darauf ankommt, am Gottesglauben festzuhalten und das Gottvertrauen eben nicht wegzuwerfen!

Das aber nun passiert in unserer Zeit scheinbar häufig: dass Menschen ›die Flinte ihres Gottvertrauens‹ schnell ›ins Korn werfen‹ / dass Menschen aufgeben und GOTT einen Laufpass erteilen / dass Menschen weglaufen, wo sie bleiben müssten / dass Menschen der Kirche fernbleiben und nicht mehr in die Gottesdienste kommen / dass Menschen dem Glauben absagen und mit ihrem Leben immer weniger zurechtkommen / dass Menschen fliehen vor den ersten Problemen schon, statt sich ihnen zu stellen und an Lösungen zu arbeiten. Die erste Ehe-Krise reicht schon, und man geht auseinander bzw. fremd – die erste Kritik am Arbeitsplatz, und man ist geneigt, ›den Bettel hinzuwerfen‹ und innerlich zu kündigen?? Kann es das denn sein? Hilft es, glücklich zu werden, wenn ich vor allem Schweren weglaufe und fliehe?

Jeremia erlebt´s am eigenen Leibe, wie GOTT ihn aufbaut und stärkt, wie GOTT ihn aufrichtet und ihm zurechthilft, durchhilft, weiterhilft! Alle Gegen-Argumente fallen in sich zusammen – Jeremia geht seinen Weg: geht seinen Weg mit GOTT. Kann ich uns etwas Besseres wünschen? Ich kann nur raten: »Immer auf GOTT zu vertrauen!« – Amen.

Dr. Hans-Gerd Krabbe, Pfarrer zu Achern