Meinungsfreiheit grenzenlos?

Kaltblütig wurden Mitarbeiter einer Pariser Satire-Zeitung von islamistischen Terroristen ermordet: dies ist in aller Schärfe nur zu verurteilen. Ein starkes Signal geht in die Welt hinaus mit allen Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen, auch von islamischen Vertretern. Protestiert wird für Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Allerdings, die Frage muss sein: Gibt es nicht auch Grenzen in freier Meinungsäußerung? Tabugrenzen? – Freiheit erwächst aus Bindung, aus der Bindung an feste und verbindliche Werte und Grundorientierungen. Wo diese Bindung jedoch missachtet wird, läuft vermeintliche Freiheit Gefahr, zu pervertieren, sich gegen sich selbst zu richten, Chaos und Willkür zu produzieren oder Vorschub zu leisten. Gibt es nicht auch Grenzen guten Geschmacks, gibt es nicht auch die Grenze ›unterhalb der Gürtellinie‹, Anstandsgrenzen? Kann selbst in der Satire alles erlaubt sein, auch dies etwa, ISIS-Kämpfer in westlichen Medien mit Hohn und Spott ›durch den Kakao‹ zu ziehen? Ziemt es sich, religiöse Überzeugungen und Empfindungen bewusst zu verletzen? Artikuliert sich darin Größe, Stärke? Wer dies tut bzw. nötig hat, stellt sich selbst ein Zeugnis der Schwäche aus. Wahre Freiheit schließt ein, Bestimmtes eben nicht zu tun, Bestimmtes eben nicht nötig zu haben, auf Bestimmtes eindeutig verzichten zu können – ansonsten zeigt sich die Unfreiheit im Gesicht vermeintlicher Freiheit.
Apropos Freiheit: Wer in unserem Land seine Meinung frank und frei äußert, womöglich gar wertkonservative Positionen vertritt (weil es für ihn Werte gibt, die es verdienen, konserviert und weitergegeben zu werden), der könnte schnell konfrontiert sein mit dem Vorhalt der Diskriminierung oder etwa in die homophobe oder islamophobe Ecke gestellt sein. Ausgegrenzt sein, (dis)kriminiert werden. Erweisen sich manche, die (für sich und ihre Denk- und Lebensweise) Toleranz einfordern, als höchst intolerant, wenn jemand andere Meinungen vertritt als ihre? Wird dann sogleich die Keule der Diskriminierung bemüht? Reagieren manche höchst unfrei, wenn andere ihre Meinung frei äußern, die sich jedoch nicht deckt mit der vermeintlicher Meinungsmacher? Wie also steht es um Freiheit und Toleranz in unserer Gesellschaft, wenn gegensätzliche Meinungen und Überzeugungen aufeinandertreffen?

Dr. Hans-Gerd Krabbe, Achern

(siehe: idea-spektrum, 3 / 14. Jan. 2015, 42)