Predigt zum Palmsonntag, 9. April 2017

Markus 14,3-9: Die Frau, die ihn salbte.

Dr. Hans-Gerd Krabbe: (in: »Lesepredigten außer der Reihe«)

 … eine Liebesgeschichte mitten in der Passionszeit / zu Beginn der Karwoche,  der stillen Woche / zwischen den Hosianna-Rufen beim Einzug in Jerusalem und dem Ruf »Kreuzige ihn!« bald darauf … Eine Liebesgeschichte – doch hören Sie selbst: aus Markus 14:

»Als Er in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen war und bei Tisch saß, da kam eine Frau mit einem Alabastergefäss voll echten, kostbaren Nardenöls; sie zerbrach das Gefäß und goss es Ihm über sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sagten zueinander: ›Wozu geschah diese Verschwendung des Öls? Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Denar verkaufen und den Erlös den Armen geben können.‹ Und sie fuhren die Frau an.

Jesus aber sprach: ›Lasst sie! Was bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine schöne Tat an mir vollbracht. Arme habt ihr ja allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht allezeit. Was sie vermochte, hat sie getan. Sie hat meinen Leib im Voraus zum Begräbnis gesalbt. Amen, Ich sage euch: Wo immer in der ganzen Welt das Evangelium verkündigt wird, da wird auch erzählt werden, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.‹«

 

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Lasst uns doch endlich einmal so richtig verschwenderisch sein! Ohne Kalkül, ohne Kalkulation, ohne Berechnung. So richtig verschwenderisch, ohne Reue, einfach so!

Lasst uns doch einmal so richtig verschwenderisch sein – verschwenderisch in der Art, wie es diese namenlose Frau in Bethanien unterhalb von Jerusalem vorgelebt hat. Von dieser Art der Verschwendung bräuchten wir mehr! Diese Art der Verschwendung ist von Liebe bestimmt, kommt aus vollem Herzen heraus und vergisst alle Berechnung!

Eine Frau, hören wir, ist so frei, zu tun, wonach ihr der Sinn steht. Was ihr am Herzen liegt. Handelt es sich um eine stadtbekannte Freudendame, eine aus zwielichtigem Milieu? Ohne lang zu überlegen, durchbricht sie die Reihen der Jünger, missachtet sämtliche Spielregeln damaliger Lebensweise, platzt herein in die Festgesellschaft (von den guten Manieren eines Adolf Knigge hat sie noch nichts gehört). Sie stört die Mahlzeit der Männer – doch nicht nur das! Die Liebe zählt – und so fragt sie nicht, ob es sich schickt / ob es erlaubt / ob es vernünftig ist, nein, sie gibt hin, was sie hat, sie verschenkt und verschwendet, was ihr selbst lieb und teuer ist! Ein kostbares Nardenöl hat sie mitgebracht, einen Luxusartikel, gewonnen aus einer Wurzel, die in Indien wächst. Könige salbte man mit diesem Oel zu ihrer Amtseinführung und zu ihrem Begräbnis – wen wundert es, dass dieses Nardenöl als das kostbarste Oel überhaupt galt! Sie zerbricht die Flasche und fängt an: fängt an, Jesus zu salben (und dies mitten in einer Männer-Runde! Übertreibt sie nicht völlig, ist sie nicht vollkommen verrückt?? – Verschwenderisch leert sie das Gefäß bis zum letzten Rest. Die Jünger machen große Augen, ihre Augen werden immer größer: wohl nicht nur, weil diese Frau äußerst attraktiv ist, sondern auch, weil sie erkennen: dieses Nardenöl, das kostet ein Vermögen! Das, was diese eine Frau da in kurzer Zeit vergeudet, davon muss ein Arbeiter ein ganzes Jahr lang leben! Die Nasenlöcher der Jünger vibrieren (nicht nur aufgrund des Parfum-Duftes), ihnen platzt die Hutschnur: ›Das kann ihr Jesus doch nicht über sich ergehen lassen!‹ – Dann küsst sie auch noch seine Füße, trocknet sie mit ihren Haaren: Nimmt das Ganze nicht erotische Züge an??

Mit wohlriechenden Ölen von sanften Frauenhänden eingerieben, lässt Jesus die Frau gewähren – doch aus den Jüngern schießt es heraus: »Man hätte dieses Oel für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen und das Geld den Armen geben können!« / ›Was soll diese Verschwendung, was diese unsinnige Vergeudung! Jesus, nun gebiete dieser fremden Frau endlich einmal Einhalt!‹ – Ob es Judas war, der Ischarioth, dem der Kragen platzte? In den unmittelbar folgenden Versen in Markus 14 wird berichtet, dass Judas Ischarioth zu den Hochpriestern hinausging, um Jesus zu verraten, für das Kopfgeld von allein nur dreißig Silberlingen … Dreihundert zu dreißig: das sind hier die Relationen …

Und Jesus? Er dürfte genug Sachverstand und Phantasie besessen haben, sich vorzustellen, was man mit diesem Geld alles an Gutem hätte tun können – doch er wischt den Einwand der Jünger vom Tisch, wenn er erwidert: »Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie?? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Arme habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, so könnt ihr ihnen täglich Gutes tun – mich aber habt ihr nicht allezeit bei euch. Sie hat getan, was sie tun konnte: sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis!«

Einem prophetischen Zeichen gleich handelt diese Frau, schenkt, verschwendet ihre Liebe, gibt sich diesem Jesus hin … – in ganz anderer Weise gilt dies von einem ganz Anderen: von GOTT selbst! ER gibt sich hin: in Seinem Sohn Jesus von Nazareth / ER, unser GOTT, schenkt und verschwendet Seine Liebe an uns Menschen! Geht bis zum Äußersten, hinauf ans Kreuz! ER, unser Gott, rechnet nicht – denn die Liebe rechnet nicht …

Diese Frau, die für uns namenlos bleibt, handelt aus lauter Liebe. Sie schenkt nicht, um etwas zurückzubekommen. Diese eine Frau spürt, was jetzt dran ist, was Ihm gut tut: der Körper-Kontakt, die zärtliche Berührung, die Wärme ihrer Hände, der Geruch des duftenden Oels. Die Frau spürt, was Er jetzt braucht: liebevolle Zuwendung. Während die Jünger dasitzen, in all ihrer Entrüstung, theoretisch mit den Gedanken beschäftigt, was man mit diesem Geld alles hätte anfangen können: da sitzt Jesus mitten unter ihnen, seinen Jüngern, schon jetzt allein-gelassen. Die Frau salbt den einsamen Jesus, den Nicht-Verstandenen, den zum Tode Auserlesenen – es tut Ihm gut! Und deshalb Sein Wort an Seine Jünger: ›Lasst sie in Frieden! Lasst sie tun, was sie sich vorgenommen hat! Arme habt ihr allezeit bei euch, mich aber nicht! Wenn es euch wirklich am Herzen liegt / wenn es euch wirklich wichtig ist, wie ihr sagt, dann habt ihr täglich mehrfach Gelegenheit, euch der Armen anzunehmen – dann tut es aber auch!‹

Nun – wie ist das: Wie halten wir es mit den Armen? Haben wir noch ein feines Gespür für unsere Mitmenschen, für ihre Ängste, Sorgen, Nöte, für ihren Kummer und für ihre Trauer? / Bemerken wir noch, dass es nicht nur materielle Armut gibt, auch seelische Armut, auch eine Armut der Beziehungen untereinander? Gefühlsarmut? Wie gehen wir miteinander um: verschwenderisch in der Liebe zueinander – oder eher zugeknöpft? Geizen wir mit der Liebe zu unseren Mitmenschen? Geizen wir mit Komplimenten? Verschließen wir die Ohren und die Herzklappen? Fahren wir die Nächstenliebe ›auf null‹ herunter, halten wir unser Portemonnaie krampfhaft fest und dicht verschlossen?

Eine Liebesgeschichte in der Karwoche / eine Frau, die ihre Liebe im Sinne des Wortes: verschwendet: herzerfrischend, mit Phantasie und mit einem feinen Gespür für die besondere Situation / für das, was gerade jetzt dran ist, was gut tut, was gerade jetzt nötig ist und aufhilft. Von dieser Frau her kann ich nur sagen: Verschwenden wir: auf-Gott-komm-raus! Versprühen wir Wärme und Herzlichkeit, gute Worte, Humor, Symphatie und Emphatie! In diesem Sinne: Haben Sie Herz, Mumm und Mut zu verschwenderischer Liebe! Seien Sie nicht knauserig, nein, seien Sie großzügig! Amen.