Predigt zum Ostermontag, 17. April 2017

Dr. Hans-Gerd Krabbe:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Der Predigttext für den zweiten Ostertag – Worte aus Lukas 24, 36-46:

»Während sie noch darüber redeten, trat Er selbst in ihre Mitte, und Er sagt zu ihnen: ›Friede sei mit euch!‹
Da gerieten sie in Angst und Schrecken und meinten, einen Geist zu sehen.
Und Er sagte zu ihnen: ›Was nur seid ihr so verstört, und warum steigen solche Gedanken in euch auf? Seht meine Hände und Füße: Ich selbst bin es. Fasst mich an und seht! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen, wie ihr es an mir seht.‹
Und während Er das sagte, zeigte Er ihnen Seine Hände und Füße.
Da sie aber vor lauter Freude noch immer ungläubig waren und staunten, sagte Er zu ihnen: ›Habt ihr etwas zu essen hier?‹
Da gaben sie ihm ein Stück gebratenen Fisch, und Er nahm es und aß es vor ihren Augen.
Dann sagte Er zu ihnen: ›Das sind meine Worte, die Ich zu euch gesagt habe, als Ich noch mit euch zusammen war: Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz des Mose und bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.‹
Dann öffnete Er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften und sagte zu ihnen: ›So steht es geschrieben: Der Gesalbte wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen!‹«

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Sage einer, die Jünger damals wären leichtgläubig gewesen und leicht zu überzeugen! / Sage einer, sie seien blauäugig veranlagt, leicht hinters Licht zu führen und nicht kritisch genug! Eine große Portion an gesundem Misstrauen kennzeichnet sie. Und es ist alles andere als leicht, ihnen ein ›x‹ für ein ›u‹ vorzumachen!

Da kommen also nach den Frauen nun auch die beiden Emmaus-Jünger zurück. Außer Atem und abgehetzt sprudeln sie über von dem, was sie erlebt hatten! Zuerst hatten sie Ihn gar nicht erkannt, aber dann hat Er sich ihnen gegenüber zu erkennen gegeben, als er auf ihr Drängen hin bei ihnen einkehrte und das Nachtmahl mit ihnen hielt. Wie Schuppen fiel es ihnen urplötzlich von den Augen, als Er Brot und Wein nahm! ›Das ist ja Er, unser HERR! Mensch, Er ist auferweckt, Er lebt!‹

Mit dieser schier unglaublichen Nachricht fallen die Frauen und die beiden Emmaus-Jünger über die anderen in Jerusalem her. Die hatten sich so richtig verschanzt, so richtig verbarrikadiert. Nicht ohne Grund fürchteten sie, aufgestöbert und ausgeliefert zu werden. Was ihnen schlimmstenfalls bevorstand (?): dass sie genauso wie ihr Herr und Meister gekreuzigt würden, vielleicht nur mit dem Unterschied: ihr Kopf nach unten …

Alles andere wäre höchst erstaunlich, wenn die Jünger keine Angst gehabt hätten, wenn sie sich nicht zusammengekauert hätten. Was nun noch tun? Sie zweifelten an sich selbst und an ihrem Herrn, sie sahen sich am Ende (›aus der Traum‹), am Ende mit ihren Kräften und mit ihrem Glauben. So am Ende mit ihrem Glauben waren Menschen wohl selten wie damals auf Golgatha, so angefochten und verzweifelt …

Als nun jedoch die drei Frauen und die beiden Emmaus-Jünger erzählten, was sie erlebt hatten, was ihnen widerfahren war: da konnte dies die anderen Jünger nicht überzeugen, höchstens ihre Zweifel noch weiter steigern! ›Die spinnen doch, die träumen und bilden sich das alles nur ein, um uns zu vertrösten …! Hirngespinste, nichts als Hirngespinste! Frommes Geschwätz! Die haben allesamt einen großen Sprung in der Schüssel!‹

Da trat Jesus selbst in ihre Mitte und sprach: »Friede sei mit euch!« – Mitten hinein in unsere Ängste und Sorgen ertönt Christi Ruf: ›Friede sei mit euch, und Friede sei mit dir!‹
Die Jünger erschraken, meinten, ein Gespenst vor sich zu haben. Jetzt verstehen sie die Welt wirklich nicht mehr. Sie fassen sich an den Kopf und wissen nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht – da fragt Jesus auch noch oben drauf: »Was seid ihr nur so erschrocken, und warum nur kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht doch meine durchbohrten Hände und Füße: Ich bin´s wirklich! Fasst mich an, fühlt mich, seht!«

Die Jünger sehen ihren Herrn vor sich – und können trotzdem nicht glauben. Sie dürfen ihre Hände in Seine Nägelmale legen – und meinen dennoch, er könne es nicht sein! Dabei ist das Unfassbare durchaus zu fassen. Dass Christus Jesus wirklich auferweckt worden ist, dieses Zeugnis ist von Anfang an kaum zu glauben, größten Missverständnissen ausgesetzt – und dies nicht erst in unserer Zeit, wo wir meinen, so viel kritischer zu sein. Die Jünger bekommen ihren Herrn zu sehen und können trotzdem nicht glauben!
Wir heute mögen sagen: ›Erst wenn ich sehe, bin ich bereit zu glauben. Erst wenn ich mich selbst überzeugt habe, erst wenn Beweise vorliegen …‹ – Die Jünger haben den Beweis vor Augen, und glauben dennoch nicht!

Quasi um es auf andere Weise zu beweisen, dass Er es wirklich ist und nicht ein Wesen mit einem Scheinleib von einem anderen Stern – bittet Jesus Christus um etwas Essbares – doch auch dies überzeugt die Jünger nicht! Was für hartnäckige Burschen sie doch sind!

Was nun noch tun? Jesus Christus sagt Seinen Jüngern, dass sie all das weitererzählen sollen, was sie erlebt haben – und dann entzieht Er sich ihnen wieder. Er sagt dies erschrockenen und im Glauben wankenden Menschen, also auch uns! Er will furchtsame und zweifelnde Menschen in Dienst nehmen als Seine Zeugen und Werkzeuge, also auch dich und mich! Sie sollen gleichsam in die Auferweckungsbotschaft hineinwachsen und darüber zunehmend froh werden!

Nicht dadurch kommen die Jünger zum Glauben, dass sie sehen und begreifen, sondern dadurch, dass Jesus Christus ihnen eine Bibelstunde hält und das Erste Testament aufschlägt. Merk-würdig: Ausgerechnet in dieser Situation hält Er ihnen eine Bibelstunde! Auf diese Weise nun werden den Jüngern die Augen geöffnet. Über der Bibel finden sie zum Glauben. Dadurch, dass sie hören, werden sie zu Zeugen der Frohbotschaft! Hier in der Heiligen Schrift finden sie die Botschaft, die Menschen aus der Finsternis herausholt und ins Licht bringt – hier finden sie die Botschaft, die ein verwundetes Herz heilt, die einen trauernden Menschen tröstet und einen Sterbenden festmacht im Glauben zum ewigen Leben!

Niedergeschlagen waren sie, am Boden lagen sie, auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt, das waren sie – doch nun stehen sie auf gegen alle Verzweiflung und Furcht und werden Protestleute: Protestanten für die Sache Gottes hier auf Erden, für Seinen Frieden, für Seine Liebe zu allen Menschen! Und sie werden zugleich zu Protestanten gegen den Tod und seine Macht, gegen alles, was Menschen erniedrigt und entwürdigt. Die Jünger finden zum Glauben, stehen auf, werden Zeugen der Osterfreude, die nicht totzukriegen ist!

Glücklich und zu beneiden sind die Menschen, die nicht sehen müssen, die keine Beweise fordern und die dennoch glauben! Amen.