Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis 2016

Christuskirche Achern, 9. Oktober 2016
1. Thessalonicher 4,1-8

Gnade sei mit uns und Friede:
Von GOTT, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen.

Thessalonich oder Thessaloniki, heute kurz Saloniki genannt – war einst eine blühende Handelsstadt im nordgriechischen Mazedonien. Geprägt von Wohlstand, Stolz und sinnenfroher Lebensweise. Eine Stadt, berühmt durch ihre Thermalquellen, durch ihre Werften, durch den Kriegs- und Handelshafen. Eine Stadt mit hoher Lebensqualität, mit hohem Freizeitwert. Tagsüber verdiente man gutes Geld, am Abend ›tanzte der Bär‹ … Das Leben in vollen Zügen genießen, in Saus und Braus – ›man gönnt sich ja sonst nichts!‹ Über die Strenge schlagen, ›fünfe gerade sein lassen‹: wen juckt´s? / Wer stört sich daran? – Ein zügelloses, ausschweifendes Leben: na und?? – Das Wort vom ›Lebensabschnittspartner‹ gab´s damals noch nicht, wohl aber das, was damit gemeint ist. Ein Ausdruck wie ›Gewinnmaximierung‹ war noch nicht geläufig, die Praxis jedoch sehr vertraut …

Drei Wochen lang hatte sich der Apostel Paulus in dieser Stadt aufgehalten. Eine kleine christliche Gemeinde war entstanden, etliche hatten zum christlichen Glauben gefunden und sich taufen lassen. Etliche waren diesen weltlichen Lebensstil satt, dieses oberflächliche Getue, dieses Geprotze, dieses Blendwerk: nach außen hin wer weiß wer, nach innen hin hohl und leer … Aussteiger waren sie, die ersten Christen / wie Außenseiter kamen sie sich vor, wenn sie ihren Glauben in die Tat umsetzen wollten! Verlacht und verspottet wurden sie, weil sie vieles eben nicht mitmachten und bewusst so ganz anders lebten …

Paulus sah sich schließlich veranlasst, ihnen einen Brief zu schreiben, sie zu ermutigen und zu ermahnen. Hören wir den für heute vorgegebenen Predigttext aus dem 1. Thessalonicherbrief / aus dem ältesten, uns erhaltenen Brief des Neues Testaments / aus 1. Thess. 4, die Verse 1-8 (GN):

»Im Übrigen, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener!
Ihr wisst ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben.
Das ist es, was Gott will: eure Heiligung. Das bedeutet, dass ihr die Unzucht meidet,
dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren,
und dass keiner seine Rechte überschreitet und seinen Bruder bei Geschäften betrügt, denn all das rächt der Herr, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.
Denn Gott hat uns nicht dazu berufen, unrein zu leben, sondern heilig zu sein.
Wer das verwirft, der verwirft also nicht Menschen, sondern Gott, der euch seinen Heiligen Geist schenkt.
Über die Bruderliebe brauche ich euch nicht zu schreiben; Gott selbst hat euch schon gelehrt, einander zu lieben.«

 

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Was eigentlich ist Menschen heutzutage noch ›heilig‹? Das Ausschlafen am Sonntagmorgen? / Der Brunch in der Familie? / Das Tennisspielen nach Feierabend? – Dem Junggesellen mag seine Freiheit ›heilig‹ sein, der älteren Dame ihr Kaffeekränzchen …: Ist Christen der Sonntag noch heilig??

Paulus antwortet in unserem Text: Der Wille Gottes, der sei euch heilig! Gott sollt ihr fürchten und ehren, Seinen Willen tun! – Im Glaubensbekenntnis sprecht ihr zwar: »Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen«, aber ist euch das wirklich bewusst, dass ihr Heilige seid (und keine Scheinheiligen?) / Ist euch das wirklich bewusst, dass Christus Menschen hier auf Erden als Seine Heiligen erwählt? Also, nach biblischem Zeugnis gibt´s Heilige hier auf Erden! Nur – ist dir das klar, dass du Gott heilig bist?? / Dass du zu Gott gehören sollst?? / Dass du seit deiner Taufe mit Gott ganz eng verbunden bist? Glaubst du das tief unten in deinem Herzen? – In der Taufe jedenfalls sagt Gott dir zu: ›Du bist mir, deinem Gott, heilig!‹

Den Willen Gottes tun, ein Leben in Heiligkeit führen – was das heißen kann? – Paulus konkretisiert´s an zwei Beispielen: am Beispiel des Sexuallebens und am Beispiel der Geschäftemacherei.

Zum Ersten: Martin Luther sprach von »Unzucht«, doch sein Begriff scheint inzwischen zum Fremdwort geworden zu sein. Wurde es etwa zwischenzeitlich aus dem deutschen Wortschatz getilgt? – Was denn ist mit »Unzucht« gemeint (?): Wenn der Mensch mit dem Tier verkehrt? / Wenn Frauen ihre nackte Haut zu Markte tragen? / Wenn Männer miteinander, wenn Frauen miteinander (na ja, Sie wissen schon … Wie viele Blüten muss die Schamlosigkeit in unserer Gesellschaft noch treiben?? – Menschen, die sich öffentlich prostituieren: muss das sein?? – Der Mitmensch als ›Objekt meiner Begierde‹ / Sexualität als käufliche Ware ohne jede Liebe / wechselnde Partnerschaften nach Lust und Laune, einmal bi-sexuell, einmal hetero-sexuell, alles nach Gusto … / Kinderschänder in erschreckendem Maße: in was für einer armseligen, in was für einer kaputten Gesellschaft leben wir eigentlich?

Wie ist das mit Kindern und Jugendlichen: Müssen die schon alles sehen, im Fernsehen und in Video-Streifen? / Müssen die im Kindergarten und in der Grundschule bereits in die Praxis sexueller Vielfalt eingewiesen werden? Müssen die in ihren jungen Jahren schon ganz schnell möglichst viele sexuelle Erfahrungen gesammelt haben? / Schon alles ausprobiert haben? Muss das sein?? / Muss das Schamgefühl in Kinderseelen zerstört werden? Muss das sein?? Macht das glücklich und zufrieden??

Wo nur bleibt der Aufschrei von uns Christen! Oder schreckt uns der mögliche Vorwurf, wir seien höchst intolerant / wir seien die ewig Gestrigen / wir seien die Spiel- und Spaßverderber? / Wir hätten von Freiheit und Freizügigkeit nichts verstanden? – Wie ist denn das: zuhause, in der Familie, im Bekanntenkreis: Wer hat da den Mut, hinzustehen und zu sagen, dass er da etwas: alles andere als gut findet? / Haben Eltern heutzutage noch den Mut, ihren Kindern etwas Kritisches zu entgegnen, oder leben sie bloß noch nach der Devise: ›alles laufen lassen, bloß nichts mehr sagen‹?? Nur nichts und niemanden diskriminieren, gemeint ist: diffamieren?? Wer wagt es, gegen die landessynodale Entschei-dung zur Einführung der ›Homo-Trauung‹ aufzustehen und zu protestieren? Dies als Irrlehre zu brandmarken?

Zum zweiten Beispiel, dem der Geschäftemacherei. Wie ist das: Ist uns Christen der Sonntag noch heilig?? Gilt für uns noch der Grundsatz: ›Ohne Gottesdienst ist für mich kein Sonntag!‹?? – Und, was sagen wir zu verkaufsoffenen Sonntagen? Rennen wir da voll hinein in die Geschäfte?? Muss das sein? / Verdrängungswettbewerb und Konkurrenzkampf zwischen den Geschäften auch noch am heiligen Sonntag?? Nur weil die Franzosen kommen und die Nachbarstädte auch verkaufsoffene Sonntage einrichten, Achern also nicht zurückstehen will? – Sollten Christenmenschen da mitmachen oder nicht im Gegenteil sonntags die Geschäfte meiden und das den Geschäftsleuten auch ganz ehrlich mitteilen?
Wer denn soll etwas tun für den Schutz und für den Erhalt des Sonntags, wenn nicht in erster Linie wir Christen?

Geschäftemacherei … Ich will jetzt nicht die Keule der Kritik schwingen gegen verantwortungsloses Missmanagement im Bankenwesen, ich will von Paulus her plädieren für ein aufrechtes Handeln und Wirtschaften, für faire Preise, für einen gerechten Lohn. Wer wollte im Ernst behaupten, er könne in Zukunft weitere Geschäfte machen mit jemandem, den er zuvor skrupellos über den Tisch gezogen hat? Als ob sich die Leute verdummen ließen!

Christen sind aufgerufen, sich gründlicher zu informieren, wachsam zu sein und kritisch, sich einzumischen und zu Wort zu melden – getreu dem Jeremia-Wort: »Suchet der Stadt Bestes!« Also: fragt nach dem Besten für die Menschen dieser Stadt und Region / fragt danach, wer welche Interessen hat und wer mit welcher Macht seine Interessen durchsetzt und durchdrückt …

Ich komme zum Schluss: Kann es das also sein (?): Sexualität ohne jede Tabus? / Geschäftemacherei ›auf Teufel komm raus‹? Kann das glücklich machen und zufrieden? Diese Frage wurde heute Morgen gestellt – wie auch die: Was ist uns Menschen heute noch heilig … (?) Doch ich will nicht nur Fragen stellen, sondern auch ermutigen / dazu ermutigen, ggf. auch als ›seltsamer Heiliger‹ zu leben (was sicher ein verkapptes Kompliment wäre!).  Heilige Gottes / also Menschen, die aus der Taufe herauskommen und die ihren Glauben leben – Heilige Gottes müssen wohl bereit sein, in unserer Gesellschaft als ›seltsame Heilige‹ angesehen oder sogar verschrien zu werden – Hauptsache jedoch: sie bleiben Heilige (!), also: Menschen Gottes! Amen.