Predigt an Trinitatis, 11. Juni 2017

Römer 3,28: »sola fide«

Dr. Hans-Gerd Krabbe, Christuskirche, Achern

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Im Reformationsjahr 2017: 500 Jahre, nachdem Luthers 95 Thesen veröffent-licht wurden und reformatorische Bewegungen an vielen Orten auslösten, mit enormen Auswirkungen – in diesem Gedenkjahr also gibt´s in unserer Kirchen-gemeinde eine fünfteilige Predigtreihe zu den Kerninhalten biblisch-reformatorischer Theologie, zu den fünf reformatorischen ›soli‹. Ging´s am 12. März um »soli Deo gloria« (›allein GOTT gebührt alle Ehre!‹) / ging´s am Ostersonntag um »solus Christus« (‹allein Jesus Christus ist das Haupt der Kirche‹) – so geht es heute Morgen um »sola fide« (›allein der Glaube macht mich Menschen recht und gerecht vor GOTT!‹).

Also: »soli Deo goria!« (›allein GOTT gebührt alle Ehre‹, niemandem sonst! Keinem Machthaber, keinem selbsternannten Führer, nur GOTT allein gebührt »Anbetung, Ehre, Dank und Ruhm« (EG 281,3)! Wo Menschen angebetet und verehrt werden wollen, da überheben sie sich maßlos …

Also: »solus Christus«! Christus Jesus allein eröffnet uns den Zugang zu GOTT, niemand sonst! Kein Priester, kein Papst, keine Maria! Auf Christus allein kommt´s an!

Heute nun also Drittens: »sola fide«! ›Allein der Glaube‹ macht´s. Die Werke, die Leistungen bewirken nicht »der Seelen Seligkeit«! Die schaffen keinen Heils-zustand, kein Glück in Ewigkeit! Klar: »Ein guter frommer Mensch tut gute, fromme Werke«, völlig unstrittig, aber dies folgt doch logischerweise aus dem Glauben heraus, wenn denn der Glaube echt ist! – Viertens: »sola gratia«! Allein auf die Gnade Gottes kommt es an! Ich Mensch bin Sünder, das ist wohl wahr, und ich kann mir die Herrlichkeit Gottes nie und nimmer verdienen! Mit keiner noch so großartigen Leistung kann ich mir einen Platz in Gottes Friedens-reich ergattern! Diesen Platz verdanke ich allein der Gnade und Barmherzigkeit Gottes! – Zuletzt, fünftens: »sola scriptura«: ›Allein die Heilige Schrift, die Bibel, die sollt ihr hören und beachten, die sollt ihr ernstnehmen und befolgen! Päpste und Konzilien können sehr wohl irren!‹

Die fünf reformatorischen ›soli‹ stehen allesamt im Gegenüber zur römisch-katholischen Kirche. Sie sind viel mehr als nur protestantische Anfragen etwa, sie sind und bleiben urprotestantische Position! Über vieles kann man zugestandenerweise diskutieren, vieles gehört als Beiläufiges und Neben-sächliches in den Bereich der sog. Adiaphora – die sog. ›soli‹ allerdings sollten wenigstens für Protestanten unaufgebbare Grunddaten sein. Sie sind wohl bis heute so etwas wie ›protestantische Paukenschläge‹!

Nun denn: ›sola fide‹ – darum geht´s heute Morgen. Luther quälte sich im wahrsten Sinne des Wortes mit der Frage: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« / ›Wie kann ich Mensch, ich sündiger Mensch GOTT je gnädig stimmen / was muss ich dafür alles tun??‹ Kampf und Krieg war es für Luther tief unten in seiner Seele, er rang mit sich selbst, trieb´s mit der Möncherei so weit, dass er behaupten konnte: »Ist je ein Mönch durch Möncherei in den Himmel gekommen, dann bin ich´s!« – ehe es ihm wie ein Blitz aus wahrlich heiterem Himmel aufging – das Wort Römer 3,28, das ihm vorkam wie die Pforte zum Paradies, Paulus´ Wort:

»So halten wir nun dafür / so glauben wir daran,

dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke,

allein durch den Glauben! Sola fide!«

Etwas gelten wollen, ›jemand‹ sein / jemand, den andere toll, liebenswürdig, attraktiv und begehrenswert finden – wer kennt nicht den inneren Drang, möglichst gut dastehen zu wollen, möglichst Top-Leistung zu bringen, sich selber zu verwirklichen und dafür alles zu geben, was in einem steckt? Den Drang, Muster-Schüler, Muster-Ehefrau zu sein? Wird denn das alles nicht heutzutage erwartet? Wer kann sich´s denn leisten, Schwäche zu zeigen? Fehler einzugestehen?

Anfragen dieser Art schwappten schon damals vor knapp 2000 Jahren an ihn heran, an den Apostel Paulus: die Fragen nach Anerkennung, Ruhm und Ehre – doch Paulus, hart in seiner Antwort, stellt klar: Nichts bringt der Mensch zustande, nichts, was echten Ruhm beanspruchen könnte! Alles, was der Mensch tut, bleibt letztlich bruchstückhaft, unvollkommen, Stückwerk / ein Versuch, fehlerhaft und vorläufig, mehr nicht! Da ist nichts für die Ewigkeit!

Nicht zu bestreiten ist, dass da Menschen sind, die Hervorragendes, die Vorzüg-liches leisten / Menschen, die wirklich erfolgreich sind und Großartiges für die Menschheit tun – und doch gilt für alle: Keiner schafft´s, keiner verdient sich die Herrlichkeit Gottes durch eigene Anstrengung, durch eigene Leistung! Jeder bleibt angewiesen auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes!

Mit anderen Worten: Die Vorstellung, man könne alles in seinem Leben aus eigener Kraft heraus schaffen, noch dazu perfekt und richtig und vollkommen – die Vorstellung, man könne so leben, dass GOTT und die Welt nur noch Beifall klatschen könnten: diese Vorstellung ist reine Illusion und trägt zwanghafte Züge in sich! Die Vermessenheit, alles mit eigenen Mitteln hinkriegen zu können (›selbst ist der Mann!‹), ›alles im Griff zu haben‹ – die Vermessenheit, allen Ansprüchen und Anforderungen gerecht werden zu können – die Vermessenheit, ›seines eigenen Glückes Schmied‹ sein zu können: diese Vermessenheit hat mit Wahn zu tun, führt zum Wahnsinn!

Paulus holt uns hier ganz schön herunter vom hohen Ross! An all das, was in unserer leistungsbezogenen Gesellschaft so zählt, stellt er kritische Anfragen. Leistung und Erfolg / Karriere / Wirtschaftswachstum / Wohlstand: sind das nicht alles ›goldene Kälber‹ unserer Zeit? ›Kälber‹, die uns vereinnahmen und höchst gefährlich in ihren Bann ziehen unter dem »Gesetz der Werke«?

›Werkgerechtigkeit‹ mag ein uraltes Wort sein, und doch sind die meisten Menschen unserer Tage genau diesem Gesetz verfallen, heillos gar? Wohin führt es denn, wenn ER nicht führt, unser GOTT? Wohin führt es denn ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Hoffnung? Die Wichtigtuer und Großschwätzer und Angeber und Aufschneider unserer Tage, die meinen, ohne GOTT und Glaube auskommen zu können: von Heute auf Morgen schon können die ganz schön ›alt‹ aussehen!

›Paulus, nun denn, aber wie sollen wir denn leben? Worauf kommt´s denn an?‹ – Die Antwort, wahrlich ein Spitzensatz, verweist auf einen ganz anderen, ungewöhnlichen Weg, der nur schwer zu den Denkmustern unserer Gesell-schaft passt – Römer 3,28: ›Ohne eigene Leistung, ohne eigene Werke und ohne eigene Verdienste, ausschließlich und allein durch den Glauben werde ich Mensch vor Gott recht und gerecht!‹

Wie soll man das nur verstehen? Vielleicht so: Vor Gott sind wir Menschen unaussagbar viel wert – selbst dann, wenn wir nichts vorzuweisen haben / auch dann, wenn wir irgendwann in unserem Leben merken: es läuft nicht so, wie es soll. Da ist nichts Rundes, nichts Vollkommenes in meinem Leben, im Gegenteil: ganz viel Risse, ganz viel Bruchstücke, ganz viel Abstürze, Enttäuschungen, Niederlagen. Vor Gott haben wir selbst dann noch Würde, wenn wir Schuld auf uns geladen haben – wenn wir nicht die Perfektionisten sind, die wir womöglich gerne sein wollen. Doch – glücklicherweise: Wir müssen unser Leben nicht selber meistern! Wir müssen nicht die Macher unseres Lebens sein, nicht die Manager unserer eigenen Ich-AG! Von GOTT her dürfen wir unser Leben ganz neu sehen lernen – denn für GOTT ist mein Leben bei aller Schuld und bei allen Schwächen, bei allen Brüchen und bei allen Scherben immerhin so wertvoll, dass ER bereit war, dafür zu sterben! GOTT nimmt mich an, wie ich bin! Vor GOTT muss ich mich nicht erst noch beweisen / vor GOTT muss ich mich nicht schminken und ins rechte Licht setzen / vor GOTT muss ich auch nicht Stufe um Stufe höherklettern auf der Erfolgsleiter nach oben (›Karriere um jeden Preis‹) / nein, denn Gottes Liebe, Gottes Gnade kann ich mir selbst durch Super-Leistungen nicht erwerben, sondern nur geschenkt sein lassen! Alles, was ich bin und habe, erlebe und genieße / Mitmenschen, die mir in Liebe zugetan sind / Aufgaben, die lohnen und erfüllen: ist denn nicht letztlich alles einfach nur Geschenk? Gottes Geschenk an mich?

›Sola fide‹ sagt mir: Ich Mensch darf aufatmen, ich darf durchatmen, ich darf neu anfangen und mein Leben in Zuversicht gestalten! Gott sagt zu mir: ›Du bist frei, Gutes zu tun. In dir steckt so viel Gutes, entdeck es und leb´s aus!‹

Nicht ich muss mich selber großmachen, nein, GOTT macht mich groß! Nicht ich muss mich vor GOTT rechtfertigen, nein, GOTT rechtfertigt mich! Nicht ich muss mir den Platz an der Sonne im Himmelreich erarbeiten und erkämpfen, nein, GOTT hat das Entscheidende schon längst für mich getan! Wenn, ja wenn ich IHM glaube! IHM vertraue, mich IHM anbefehle!

Wenn dieser Glaube in mir aufspringt, dann muss ich nicht mehr ›der Hecht im Karpfenteich‹ sein oder ›der große Zampano‹. Dann muss ich auch nicht mehr mir und anderen beweisen, wie toll ich doch bin (›Extra-Klasse‹), wie attraktiv, wie gescheit oder wie reich. Dann entdecke ich vielleicht etwas von der tiefen Weisheit, die Luther kurz vor seinem Tode aussprach – mit den Worten: »Wir sind Bettler, das ist wahr«. Bettler vor GOTT, also Menschen, die wissen, dass sie GOTT nichts vorzuweisen haben, dass sie GOTT auch nicht imponieren können, Menschen aber, die von IHM alles erwarten! Alle Gnade, allen Segen! Wie Bettler dürfen wir GOTT bitten – und darin sicher sein, dass ER uns nicht überhört! Amen.