Reformationsfest Christuskirche Achern, 31. Oktober 2017

1517-2017: 500 Jahre Reformation …:

 

War das Reformationsjubiläumsjahr nun ein erfolgreiches oder ein vergeigtes Jahr? // Wurde die Ökumene gestärkt (so Heinrich Bedford-Strohm) – oder muss man eingestehen: ›Wir sind uns zunehmend uneinig‹ (Kardinal Woelki)? // Standen Event-Veranstaltungen im Rampenlicht? Ging´s vorrangig um Luther-Socken, Luther-Nudeln (in gelb, rot, grün), Luther-Bier? Die Playmobil-Figur? Wo blieb dagegen die Theologie, die reformatorische Erkenntnis von der Rechtfertigung des sündigen Menschen allein aus Gnade, allein aus Glauben?

Allesamt Fragen, die dazu beitragen können, ehrlich und aufrichtig Bilanz zu ziehen …

Über das Reformationsjahr hinaus wird es auch in Zukunft darum gehen, die

fünf reformatorischen ›Soli‹ zu beachten, zu behaupten, zu bewähren:

  • »soli Deo gloria!« – allein GOTT gebührt alle Ehre!
  • »solus Christus« – allein Jesus Christus ist das Haupt der Gemeinde, niemand sonst!
  • »sola gratia« – allein aus Gottes Gnade wird der sündige Mensch recht, gerecht, gerechtfertigt vor GOTT!
  • »sola fide« – nicht die Werke, selbst nicht die frömmsten Werke machen´s, nein, sondern allein der Glaube!
  • »sola scriptura« – allein die Heilige Schrift ist Quelle, Maßstab, Richtschnur christlichen Lebens und kirchlichen Handelns!

Mit diesen fünf reformatorischen Paukenschlägen begrüße ich Sie herzlich, heute gerade auch die römisch-katholischen Mitchristen!

 

Beten und Bekennen wir mit Worten aus dem Gebetbuch Israels, mit Worten aus Psalm 46 – EG 726: …

  • Predigt zu Matthäus 10,32.33

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Kraft Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Aus dem für heute vorgegebenen Predigttext – aus Mt. 10 die Verse 32 und 33 – Jesu Christi Wort: »Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will Ich mich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater – wer aber mich verleugnet vor den Menschen, den will Ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater!«

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Sage einer, dieses Bibelwort passe nicht zum Reformationstag!

Worms, im April 1521. In einem großen, mittelalterlichen Festsaal sind alle Fürsten der deutschen Lande versammelt, unter ihnen Kaiser Karl V. aus Spanien als oberster Vertreter des Reiches. Die Berater der Fürsten sind zugegen, unübersehbar die Bischöfe, die Kardinäle und weitere katholische Würdenträger. Unruhe herrscht / eine große Spannung liegt in der Luft / ein tiefer Riss spaltet die Fürstenschar. Der Grund dafür? So ein Mönchlein aus Wittenberg an der Elbe, ein Bibel-Professor an der dortigen Universität / dieser Mönch scheut sich nicht, eigenständig zu denken (was für eine Revolution!) und offen zu seinen Glaubensüberzeugungen zu stehen! Was für ein Scandalon! Dass Gottes Wort mehr bedeutet und wichtiger ist als alle Worte der Kirche, behauptet er – dass Päpste und Konzilien sehr wohl irren können! Dass es gilt, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen (Apg. 5,29) – und: dass ein Mensch allein nur durch Gottes Gnade vor GOTT bestehen kann, allein aus Gnaden vor GOTT recht, gerecht, gerechtfertigt ist und nicht etwa durch den Kauf von Ablass-briefen! Dieser Mönch behauptet: So etwas wie Sündenvergebung, das kann man nicht käuflich erwerben, das gibt´s nicht im Supermarkt, das kann nur GOTT selbst schenken! – So etwas wie einen päpstlichen General-Ablass für jeden Katholiken, wenn er auch nur einmal im Jahr eine Messe aufsucht: was würde Luther heute dazu sagen?

»Mönchlein, du gehst einen schweren Gang …«: Diese Worte mögen noch in Luthers Ohren nachgeklungen haben, als er in Worms vor Kaiser und Reichs-fürsten in diesen Saal trat, ablehnende Gesichter sah, die demonstrative Langeweile in manchen Augen erkannte, in wieder anderen dagegen die lauernde Gefahr … Man wollte ihn mundtot machen, er sollte seine Überzeugungen endlich widerrufen, es war für ihn die letzte Gelegenheit (!) – doch dann brach es am zweiten Tag, am 18. April 1521 vor dem Reichstag aus ihm heraus: »Wenn ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift und durch Glaubens- wie Vernunftgründe überzeugt werde, so kann und will ich nicht widerrufen!« – Es stand ›spitz-auf-Knopf‹ – drohte ihm ein ähnliches Schicksal wie dem Johannes Hus aus Prag, diesem Ketzer, den man einhundertundsechs Jahre zuvor in Konstanz am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte (obwohl ihm freies Geleit zugesichert war??

Wir können froh und dankbar sein, wenn in unseren Zeiten und in unserem Land das Bekenntnis christlichen Glaubens nicht ›auf Messers Schneide‹ steht – wenn wir in Frieden zu Gottesdiensten zusammen kommen können – wenn wir uns in aller Freiheit zum Glauben an Jesus Christus bekennen können: doch tun wir´s? Und wenn ja: wie tun wir´s? Wie drückt sich das aus in Wort und Tat? – Wir leben in vermeintlicher Liberalität / auf dem religiösen Markt ist inzwischen so gut wie alles erlaubt / das dagegen, was den christlichen Glauben im Kern ausmacht, das wird immer mehr verwaschen und ins Beliebige gestellt. Fast jeder, wenn er denn will, kann sich ›Christ‹ nennen …

Ja, nun denn, wie ist das so mit dem Bekennen – wie hältst du´s damit?

Ich denke, wir versuchen immer wieder, soz. ›dazwischen‹ zu sein. Kein klares, eindeutiges, mutiges, verbindliches Wort, mit dem wir uns festlegen, an dem man sich aber auch reiben und ärgern kann. Auch nicht mit der Faust auf den Tisch schlagen, wo´s angebracht wäre. Immer schön moderat bleiben, gut diplomatisch-vielsagend nichts sagen. Nur ja nicht eindeutig Partei ergreifen (man könnte sich ja den Mund verbrennen oder abgestempelt werden oder zu den Fundamentalisten gerechnet werden oder unter Phobie-Verdacht geraten … Nein, dann lieber die Halbwahrheiten sagen / lasch und lau und lauwarm, aber bloß nicht heiß oder kalt / bloß nicht auffallen, um Himmels willen bloß nicht auffallen, besser wegsehen und schweigen, die Hände in Unschuld waschen. Immer ein Hintertürchen offen halten … Und dann, wen überrascht´s (?), dann entstehen lauter halbe Sachen / nebulöse, schwammige Beziehungen / man weiß nicht mehr, woran man ist, worauf Verlass ist / eine Atmosphäre entsteht, die auf die Seele drückt und Krebserkrankungen fördert … Werte geraten ins Wanken, man weiß nicht mehr, wie man sich verhalten soll …: »Was dazwischen ist, ist vom Übel«, sagte Jesus Christus – und: ›Wer nicht klar für mich ist, der ist klar gegen mich!‹ / ›Entweder ihr bekennt mich vor den Menschen – oder: ihr verleugnet mich!‹ Klare Sprüche, Klartext. Entweder-oder. Keine falsche Diplomatie, nichts Scheinheiliges …

Hand aufs Herz: Bekennen sich die Christenmenschen in unserem Land noch zuhauf zu ihren eigenen Geboten und Werten – oder weichen sie zurück aus falscher Scheu vor der Auseinandersetzung mit Muslimen etwa? Nehmen kirchliche Würdenträger wie der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm und der Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz Kardinal Marx auf dem Jerusalemer Tempelberg lieber das Kreuzeszeichen ab, das sie sonst tragen? Verleugnen sie damit nicht christlichen Glauben? Und was bedeutet dieser Rückzug wohl für Christen, die sich in muslimisch-geprägten Ländern in Verfolgungssituationen befinden und es wagen, sich dennoch bewusst zum christlichen Glauben zu bekennen? Die es gar wagen, das Kreuzeszeichen zu tragen?

Wie ist das: Darf man sich in unserer Gesellschaft aus dem gesunden Menschenverstand heraus noch kritisch äußern, etwa zur ›Ehe für alle‹ oder zur Gender-Ideologie mit ihren 18 und mehr Geschlechtern? / Darf man/frau ›das Menschenrecht auf Abtreibung‹ hinterfragen? / Wo sind die Frauen, die aufstehen und protestieren gegen die Radikal-Feministinnen, wenn sie sich von diesen eben nicht vertreten fühlen? Die Männer scheinen dafür die falschen Kandidaten zu sein, werden sie doch a priori zu Machos erklärt … Wo sind die mutigen Frauen, die sich den Mund nicht verbieten lassen? / Wo sind die mutigen Christen, die auftreten und zu ihren Überzeugungen stehen, wenn´s sein muss: mit der Bibel in der Hand?

Wie oft werden Schüler gehänselt, wenn in der Klasse durchsickert: ›Du, horch, der geht zum Kindergottesdienst!‹ / Wie oft wird ein Angestellter am Arbeitsplatz von oben herab müde belächelt, wenn sich herumspricht: ›Du, der geht zur Kirche!‹ – Solche und andere Worte unserer ach so ›lieben‹ Mitmenschen können wehtun und verletzen, können nagen und in mir fressen – doch: sie sind auszuhalten! Nicht umsonst gibt uns Jesus Christus sein »Fürchte-dich-nicht!« mit auf den Weg. Er weiß: Anfechtung / Anfeindung / Ablehnung bleiben dem nicht erspart, der sich ernstlich zu Jesus Christus bekennt!

Zugegeben: Es gibt immer noch große Symphatie für das Christentum. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sagen: ›Die Kirche ist viel besser als ihr Ruf. Was die in den Gemeinden vor Ort leisten, das kann sich sehen lassen! Die Gottesdienste sind wichtig, Seelsorge ist nötig, diakonische Arbeit unverzichtbar! Aber bitte: in allem nur nicht übertreiben! Ein bisschen christ-liches Make-up, das muss doch reichen / einmal im Jahr zu Weihnachten in die Kirche rennen, das muss doch genug sein und wieder für ein ganzes Jahr halten … – oder etwa nicht??‹

Christus, liebe Leute – Christus will kein laues, wachsweiches, halbherziges Bekenntnis. Er will mich ganz und gar, mit Haut und Haar! Will mich ganz und gar beanspruchen! Entweder ganz – oder gar nicht! Entweder Er ist der Herr meines Lebens und führt mich mitten hinein in die königliche Freiheit der Kinder Gottes – oder eben nicht! Dann machen mich andere zu ihrem Knecht, und ich merk´s nicht einmal! Entweder ich bin ein ganzer Christ, oder gar keiner, also auch nicht einmal ein halber! ›Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn‹, hat einmal jemand gesagt: hat er nicht recht??

// Martinus Luther hätte die ganze Sache doch auch einfacher haben können. Er hätte widerrufen können, hätte schweigen können, hätte seinen Schnabel halten und einen vornehmen Rückzieher einleiten können – aber er schwieg nicht! Um Gottes willen und um der Menschen willen tat er seinen Mund auf und sagte, was Sache ist!

Ein Karl Barth, ein Martin Niemöller, ein Dietrich Bonhoeffer, ein Martin-Luther-King konnten ebenso wenig schweigen, als es galt, entweder zu bekennen oder zu verleugnen. Sie mischten sich ein und blieben standfest, auch als sie Nachteile ernteten – sie protestierten um Gottes willen und um der Menschen willen! Und erwiesen sich darin als ›Protestanten‹!

Gott macht mir Mut, ganz viel Mut. Gott nimmt mir die Menschenscheu, die Angst auch, meinen Glauben vor meinen Mitmenschen zu bekennen. Die müssen doch wissen, woran ich glaube und worauf ich vertraue! Die enorme Kraft, die meinen Körper durchzieht, kann ich womöglich spüren, wenn ich klar und entschieden / frisch-fromm-fröhlich-frei bekenne: ›Jawohl, ich glaube GOTT (und du solltest es in deinem eigenen Interesse auch tun)! Jawohl, ich bete und lese Bibel! Jawohl, mir ist der Gottesdienst wichtig! Jawohl, ich will von Gott gesegnet sein, will in Seinem Frieden leben!‹

Vielleicht ist uns viel zu wenig bewusst, was ein klares Bekenntnis auslösen kann / welche Kraft davon ausgeht, wie mich´s aufrichtet und mein psychisches Rückgrat stärkt. Warum so ängstlich, warum nicht munter und fröhlich, keck und ungeniert, mit einer verwegenen Zuversicht?? – Eine klare Glaubens-haltung kann anderen Menschen Mut machen, nun auch selbst zu glauben und zu beten und zu bekennen!

Wo Menschen anfangen, zu bekennen und ihren Glauben handfest auszuleben, da entsteht Kraft und Mut und Ausdauer und Glaubensheiterkeit. Da entsteht womöglich gar ein Heldenmut im Glauben. Da wächst das Urvertrauen in GOTT, aber wie! Amen.

  • Fürbittgebet

Lasst uns beten für eine Kirche, in der das eine Wort wichtiger genommen wird als viele Wörter / in der die eine Botschaft mehr zählt als viele Schlagzeilen – für eine Kirche lasst uns beten, die ihre Stimme erhebt im Konzert der Mächtigen und die sich auf die Seite derer stellt, die in ihrer Ohnmacht Unterstützung brauchen.

Lasst uns beten für eine Kirche, die nach Einheit strebt, aber nicht nach Einheitlichkeit / die nach Gemeinsamkeiten sucht und Unterschiede anerkennt / in der der Mensch zählt und nicht die Menschen gezählt werden – für eine Kirche lasst uns beten, in der die Liebe gelebt und das Leben geliebt wird.

Lasst uns beten für eine Kirche, die Neues annimmt und Bewährtes pflegt / die Fragen zulässt und Antworten nicht scheut / die in die Welt hinausgeht und sich nicht hinter Mauern versteckt / die offen ist für viele Strömungen, die aber nicht mit dem Strom schwimmt.

Lasst uns beten für eine Kirche, die nicht nur Gotteshäuser unterhält, sondern in der GOTT ein Zuhause hat – für eine Kirche lasst uns beten, die sich vom Heiligen Geist leiten lässt und deren Leitung vom Geist Gottes beseelt ist / in der nicht diejenigen vom ›Dienen‹ reden, die ›Herrschen‹ meinen, sondern in der Jesus Christus herrscht, der uns dienen will »alle Tage bis an der Welt Ende.«

Lasst uns beten für eine Kirche, in der die Menschen fröhlicher glauben, mutiger bekennen, erwartungsvoller beten, brennender lieben, tatkräftiger handeln, hoffnungsvoller leben!

DICH, den Herrn der Kirche, beten wir an:

»Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden …«

  • Segensbitte

Bitten wir Gott darum, dass er uns immer wieder neu reformiere, dass ER uns im wieder neu im Glauben zu IHM stärke – bitten wir GOTT um Seinen Segen:

»Der HERR segne uns und behüte uns …«

Pfr. Dr. Hans-Gerd Krabbe