Predigt am Israel-Sonntag, 10. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2017, Exodus 19,1-6

Unser aller Anfang, unser aller Hilfe und unser aller Ende sind in dem HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat, der Wort und Treue hält ewiglich und der nicht preisgeben will auch nur irgendein Werk Seiner Hände! Amen.

Heute, am Israel-Sonntag, bedenken wir ein Bibelwort aus dem 1. Testament, aus der hebräischen Bibel – es ist so etwas wie das Herzstück jüdischen Glaubens bis heute. Hören und bedenken wir Worte aus dem Buch Exodus, aus dem 19. Kapitel, die Verse 1-6:

»Am dritten Neumondstag nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und sie lagerten sich in der Wüste dem Berg gegenüber. Mose aber stieg hinauf zu GOTT. Und der HERR rief ihm vom Berg her zu: ›So sollst du sagen zum Haus Jakob und den Israeliten verkünden:´Ihr habt selbst gesehen, was ICH an den Ägyptern getan habe und wie ICH euch auf Adlersflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. Wenn ihr nun auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, so werdet von allen Völkern ihr mein Eigentum sein, denn mein ist die ganze Erde – ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern sein und ein heiliges Volk.‹ Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.«

 

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Diese Worte, die waren es, die Mose am Fuße des Berges Sinai den Hebräern sagen sollte. Worte, die übersteigen, was wir Menschen denken und fassen können. Eine ungemeine Verheißung steckt darin, Zuspruch pur – aber sind das nicht Worte, allein an das Volk Israel gerichtet, nicht aber an uns Christen-menschen?? Vom ›erwählten Volk‹ ist da die Rede, vom »Volk des Eigentums«, vom »heiligen Volk« – und damit ist doch Israel gemeint! Geht uns Christen dieses Bibelwort also womöglich gar nichts an? Anders gefragt: Haben wir Christenmenschen überhaupt das Recht dazu, dieses alttestamentliche Bibelwort auf uns zu übertragen??

Auf dem Weg heraus aus der Sklaverei in Ägypten, hinein in die Freiheit sagt Mose diese Worte zu Menschen, die gerade noch so eben davongekommen waren, die soeben noch das Schilfmeer hinter sich lassen durften, in dem die Verfolger: die ägyptischen Soldaten mitsamt dem Pharao ums Leben kamen. ›Nichtse‹ waren sie in Ägypten, Mauerleute, die Steine brennen und Städte bauen mussten, Pithom und Ramses mit Namen. Zehn Plagen schickte GOTT, der HERR ins Land: Wasser verwandelte sich in Blut, Heuschrecken fraßen ganze Felder ab, schließlich starben alle frischgeborenen ägyptischen Jungen. Hals über Kopf flohen die Hebräer. Drei Monate waren sie bereits ihrem Führer, dem Mose, gefolgt, hinein in die Wüste. Wege ohne Wasser, Wege ohne Fleisch, Wege ins Ungewisse. Wie schnell stieg sie in ihnen auf, »die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen in Ägypten«! »Warum nur hast du uns aus Ägypten herausgeführt, dass du uns, unsere Kinder, unser Vieh hier in der Wüste vor Durst sterben lässt??« Sie fingen an zu murren, sie litten Qualen, und Mose litt mit ihnen. »Ein Volk, starr von Nacken ist es, aber verzeihe doch unsere Verfehlung«, rief Mose für sie zum HERRN!

Diese Starrnackigkeit, wir sagen vielleicht eher: diese Starrköpfigkeit – sie hat zwei verschiedene Seiten. Man kann´s negativ verstehen und sich furchtbar darüber aufregen: ›Wie kann man nur!‹ Hatte dieses Volk denn komplett alles vergessen? Komplett vergessen, wie GOTT sie hinausgeführt und bewahrt hat mitten im Schilfmeer?? – Andererseits aber hat diese Starrköpfigkeit etwas Bewundernswertes in sich: denn da verfolgt jemand sein Ziel, womöglich ›mit sturer Energie‹, und lässt nicht davon ab, bis er es erreicht hat. »Ich lasse Dich nicht, DU segnest mich denn!« / ›Ich lass Dich / GOTT nicht in Ruhe, es sei denn, DU segnest mich zuvor!‹ – Solche Starrköpfigkeit rechnet mit GOTT, mit Gottes Eingreifen und Hilfe und lässt nicht locker, bis dass GOTT geholfen hat!

Am Fuße des Berges Sinai lagert sich das Volk der Hebräer – während Mose zu GOTT hinaufstieg, und der HERR vom Berge rief. Mose empfängt eine unglaubliche Botschaft, die Liebeserklärung Gottes zu Seinem Volk, das doch das geringste unter den Völkern ist (Dtn. 7,7) und doch von GOTT erwählt wird zu Seinem Eigentum, zu einem Königreich von Priestern, zu einem heiligen Volk! Unglaublich, was Mose da hört! Hören und Sehen müssten ihm vergehen!

Da murrt ein Volk und beschwert sich, greift Mose an und damit letztlich GOTT selbst, erdreistet sich gar, GOTT zu kritisieren (unglaublich, ungeheuerlich!) – und dieser GOTT antwortet aus den Wolken heraus mit einer Liebeserklärung ohnegleichen! Ja, wen wundert´s – diese Worte bilden das Herzstück jüdischen Glaubens! GOTT lässt sich angreifen und anklagen und anzweifeln – und hält dennoch zu Seinen Menschen! Verstehst du das??

»Auf den Flügeln der Adler habe ICH / euer GOTT euch getragen!«

So bringen Adler ihren Jungen das Fliegen bei: sie wachen über ihrem Nest – fliegen dann voraus, rufen, locken, animieren – und die Schwachen nehmen sie mit auf ihrem Rücken (Methode: Huckepack). Über dem Adler, oberhalb von ihm ist niemand mehr, der drohen und Angst und Schrecken verbreiten könnte …

Die Hebräer verstanden dieses Gleichniswort vom Adler sofort: Kein Pharao mehr über uns, kein anderer König, keine Götter neben uns, keine Götzen mehr – denn ›ICH, der HERR, bin Dein GOTT! ICH bin für dich da! ICH sorge für dich, ICH helfe dir auch – verlass dich auf mich, und du bis niemals verlassen!‹ Keine Sklaverei mehr, keine Ausbeutung bis hin zur Unmenschlichkeit, sondern Freiheit und Menschenwürde! Auftrieb, Neuanfang, neues Leben, was für ein Glück!

›Mit Adleraugen achte ICH auf dich, dass dir nichts passiert, dass du nicht zu Schaden kommst!‹

»Ihr sollt mir sein ein Volk des Eigentums, ein Königreich von Priestern, ein heiliges Volk« – das heißt doch: Jeder einzelne Mensch soll sich verstehen als Gottes geliebtes Kind / geliebt, begabt, beauftragt / gefördert und gefordert, Gott zu ehren, den Bund zu halten, die Gebote zu bewahren! – »Hört auf meine Stimme« in euch, spricht GOTT, der HERR, »haltet meinen Bund, achtet meine Gebote!«

Hier spricht ein GOTT, der Seine Menschen unsagbar liebhat, der ihnen nachgeht, der sie immer neu aufsucht, sie mit den Augen der Liebe verfolgt. Niemanden will ER verlieren, niemand soll zu Schaden kommen. Drum sagt ER, der Heilige, gelobt sei ER – und ER meint es nur gut: »Achtet meinen Bund, haltet meine Gebote!«

Warum? Braucht GOTT das? Dass wir IHN ehren, Seine Gebote halten? Braucht GOTT das?? – Nein, liebe Leute, wir brauchen das, du brauchst die Gebote Gottes, du brauchst Gebet und Gottesdienst, du hast´s nötig! Und wie!

Zurück zur Eingangsfrage, die da lautet: Gelten diese Bibelworte allein den Juden, nicht auch uns Christen? – In dem Juden Jesus von Nazareth sprechen diese alttestamentlichen Worte auch uns Christen an, hat Er doch viele Worte aus der hebräischen Bibel an uns weitergegeben – Worte wie: »Du sollst den HERRN, Deinen GOTT, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit allen deinen Kräften – und: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« In diesen Geboten sind alle Gebote zusammengefasst!

In den Bund Gottes aufgenommen sind wir Christen durch die heilige Taufe. Durch Jesus Christus wissen wir, wie wir leben sollen – Er hat es uns vorgelebt.

Durch Jesus Christus dürfen wir GOTT unseren Vater nennen. Seine heilsamen Gebote sollen wir befolgen, auf dass wir zum Heil und Wohlergehen finden. Amen.

Dr. Hans-Gerd Krabbe