Fenster

Rudolf Yelin (1864-1940)

Rudolf Yelin wurde am 14. August 1864 in Reutlingen in ein gutbürgerliches protestantisches Elternhaus hinein geboren.Sein Vater und seine Mutter stammten aus Pfarrhäusern. So wurde der Junge nicht nur früh künstlerisch gefördert, sondern auch für eine theologische Laufbahn bestimmt.

Nach seinem Abitur in einem theologischen Seminar begann er ein Studium im Tübinger Theologischen Stift – das er nach einem Semester abbrach. Es setzte sich die künstlerische Berufung durch und er studierte nun an der Kunstakademie München und der Kunstschule des Städelschen Institutes in Frankfurt. Mit 26 Jahren begann er seinen Weg als selbständiger Künstler.

Sein erster größerer Auf­trag waren die Wandmalereien der Stiftskirche in Stuttgart. In dieser Stadt ließ er sich dann mit seiner Familie nieder. Rudolf Yelin konnte sich dank seiner theologischen Ausbildung schnell in der sakralen Kunst einen Namen machen. Neben Wandmalereien waren es vor allem Entwürfe und Kartons (originalgroße Zeichnungen) für Glasmalereien, die ihm zu Ansehen verhalfen. Die Ausführung dieser Werke übernahmen verschiedene Werkstätten. In der Stuttgarter Werkstatt von Valentin Saile hatte er die Möglichkeit, selbst das Schwarzlot auf das Glas aufzutragen. Zwischen 1895 und 1927 lieferte er zahlreiche Werke „in fast alle Teile Deutschlands“. Seiner von Beginn an naturnahen Malerei blieb Yelin sein ganzes künstlerisches Leben lang treu (1).

Die Glasmalereien der Christuskirche in Achern

Erst 1892 wurde die evangelische Gemeinde Achern gegründet, 1908/09 errichtete sie sich ihre Christuskirche. Fünf Fenster erhielten damals Glasmalereien nach Entwürfen Rudolf Yelins, die in der Offenburger Werkstatt Adolf Schell & Otto Vittali ausgeführt wurden. Vier Rundfenster zeigen die vier Evangelisten in doppelter Form. Zum Einen sind sie in menschlicher Gestalt abgebildet, und da es keine historischen Portraits von diesen Männern gibt, entspringt ihr Aussehen der Phantasie des Künstlers. Im „Christlichen Kunstblatt“ werden sie als „Typen deutscher Männlichkeit“ charakterisiert (2). Damit sie trotzdem erkannt werden können, steht ihr Name in großen Buchstaben daneben. Zum Anderen sind sie als so genannte „Evangelistensymbole“ dargestellt: Matthäus als geflügelter Mensch, Markus als geflügelter Löwe, Lukas als geflügelter Stier und Johannes als Adler. Diese Symbole werden auch als „Apokalyptische Tiere“ bezeichnet, da sie der „Apokalypse“, der Offenbarung des Johannes, entnommen sind (Off. 4,7).

Für das Chorwandfenster wurde eine Darstellung der Bergpredigt gewählt nach dem Evangelium des Matthäus, Kapitel 5 bis 7: Während seiner Reise durch Galiläa, ging Jesus auf einen Berg, setzte sich und hielt „dem Volk“ eine Rede. Die Glasmalerei zeigt jedoch einen stehenden Christus – das ist für ein Bild der Bergpredigt sehr ungewöhnlich. Es erinnert daher auch an die so genannte Feldrede Jesu nach dem Evangelium des Lukas, 6,20-49. Diese Szene findet allerdings in einer Ebene statt, vor einem Berg. Auffallend ist auch, dass Christus nicht zu den Menschen, die sich am Berg versammelt haben spricht, sondern aus dem Bild hinaus in die Gemeinde der Christuskirche blickt.Mit seiner rechten Hand weist er nach oben, zu unserem Vater im Himmel. Es könnte also sein, dass der Künstler Jesus dargestellt hat, als er das Vaterunser lehrt. Das Vaterunser steht im Mittelpunkt der Bergpredigt und wird heute noch in jedem Gottesdienst gebetet. Ein Hinweis darauf ist auch der sitzende Mann unten rechts, der seine Hände zum Gebet gefaltet hat.

Berge und Pflanzen

Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass das Bild keine Landschaft Galiläas zeigt, sondern Berge und Pflanzen, die eher in der näheren Umgebung Acherns zu finden sind. Der Künstler hat Christus aus dem historischen Kontext herausgenommen und in die Welt der Auftraggeber hineingestellt. Jesus trägt zwar ein zeitloses Gewand, auch die Menschen um ihn herum sind altertümlich gekleidet, doch haben deutlich Elemente des frühen 20. Jahrhunderts Eingang gefunden: Die Gesichter der Jünger und Jüngerinnen tragen die Züge der Menschen um 1900. Zum Teil sind es Portraits der Stifter der Glasmalereien und ihrer Kinder, die nach Fotografien auf Glas gemalt wurden. Eine Signatur belegt die Stiftung durch Mitglieder der evangelischen Gemeinde Achern. Durch ihre moderne Ausstrahlung fallen insbesondere die beiden knienden Frauen unten links, der vorne sitzende junge Mann und die hinter ihm stehende Frau mit Kind auf. Die übrigen Zuhörer könnten ebenfalls Gemeinden des Schwarzwaldes entstammen.

Unter den Skizzen Rudolf Yelins befinden sich zahlreiche Kopfstudien mit markanten Gesichtern, die er auch in seine religiösen Bilder einsetzte. Der betende sitzende Mann soll ein Selbstbildnis des Künstlers sein.

Für die evangelische Kirche in Reinerzau bei Alpirsbach malte Yelin 1912 die „Bergpredigt im Schwarzwald“ auf eine Leinwand. Hier sitzt Christus auf einem flachen Felsen, um den die Zuhörer, genau wie in Achern, stehen und sitzen. Auch ein Kind mit buntem Blumenstrauß ist im Vordergrund zu sehen. Die Männer und Frauen tragen allerdings ihre zeitgenössische bäuerliche Tracht.

Achern war seit 1808 eine Stadt, so dass es nicht gepasst hätte, die Stifter als Bauern darzustellen. In moderner städtischer Kleidung sind die Zuhörer der Bergpredigt hingegen kaum vorstellbar. So schuf der Künstler einen Kompromiss mit edlen Gewändern in historischen Formen.

„Christus lehrt der evangelischen Gemeinde in Achern das Vaterunser“ – so könnte der Titel des Chorfensters lauten. Jesus verkündet Gottes Wort aber nicht nur der im Bild versammelten früheren Gemeinde. Mit seiner Hinwendung zum Kirchenraum werden die Gottesdienstbesucher jeden Tag aufs neue direkt angesprochen. Unsere Vorfahren, die vor 100 Jahren diese Kirche errichteten, haben in den Glasmalereien ihren Glauben bezeugt und dafür gesorgt, dass auch uns Jesus im wahrsten Sinne des Wortes als das Licht der Welt erscheint.

Literatur:
(1) Bodo Cichy, Rudolf Yelin 1864-1940, seine Zeit, sein Leben, sein Werk, Stuttgart 1987.
(2) Das „Christliche Kunstblatt“, hrsg. von David Koch, 51. Jg., Oktober 1909, Seite 308.

Dr. Anke Sommer