Christuskirche

Geschichte der Christus-Kirche

Die Reformation der Kirche im 16. Jahrhundert wurde in Achern und seiner Umgebung von der fürstenbergischen und habsburgischen Herrschaft im Verein mit dem Fürstbischof von Straßburg behindert und letztlich auch verhindert. So kam der große Teil der Ortenau als ein geschlossenes römisch-katholisches Gebiet ins 19. Jahrhundert.

Keimzelle für eine evangelische Kirchengemeinde wurde die „Großherzoglich Badische Heil- und Pflegeanstalt Illenau“. 1701 war die Ortenau aus Habsburger Besitz in den der Markgrafen von Baden-Baden übergegangen, 1771 an deren evangelische Vettern von Baden-Durlach. Mit der Neuordnung des Reiches entstand das Großherzogtum Baden, um ehedem kurpfälzische protestantische Gebiete im Norden ebenso erweitert wie um römisch-katholische Stiftsländereien im Süden, und die junge Stadt Achern markierte seine geografische Mitte. Betrug die evangelische Bevölkerung in Baden nur ein gutes Drittel, so achtete doch der Landesherr auf eine Gleichstellung beider christlicher Kirchen in seinem Land, auch bei der Ausstattung der „Heil- und Pflegeanstalt Illenau“ mit zwei Pfarrstellen. Selbstverständlich erhielt die Anstalt einen gottesdienstlichen Raum, der offiziell erst 1843 nach evangelischem und 1844 nach römisch-katholischem Ritus geweiht wurde. Am 11.12.1842 wurde bereits ein erster Gottesdienst vom evangelischen Anstaltspfarrer Ernst Friedrich Fink (bis zu seinem Tod 1863 in Achern) gehalten. Wie die evangelischen Patienten – im Jahr 1852 nennt Pfarrer Fink 150 – so kamen auch evangelische Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger aus verschiedenen Teilen des Landes in die Illenau.

Ihre Angehörigen wohnten in der Stadt Achern oder in benachbarten Oberachern, wurden aber in den folgenden 50 Jahren vom jeweiligen Anstaltspfarrer – oder seinem Vikar – betreut, nahmen an den Gottesdiensten der Kranken teil und wurden auf dem Illenauer Friedhof zur letzten Ruhe gebettet.

Erwartung und Erholung

Die Erwartung des Anschlusses Acherns an die geplante Rheintal-Eisenbahn mag einen Einfluss gehabt haben auf die Entscheidung für Achern als Sitz der Heil- und Pflegeanstalt, ihre Verwirklichung ab 1844 bot erst die Grundlage für die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Neben verschiedenen kleineren Betrieben entstand 1886 die Glasfabrik mit einem großen Bedarf an Arbeitskräften. Aus allen Teilen Deutschlands kamen Glasmacher; unter ihnen auch zahlreiche Evangelische aus Württemberg, Nachfahren der Salzburger Emigranten; sie gaben dem Wachstum der evangelischen Gemeinde einen bemerkenswerten Schub. Es kamen zudem Erholung Suchende ins Acher- und ins Sasbach-Tal, für die evangelische Gottesdienste in Wohnungen (so in Sasbachwalden 1882) gehalten wurden, und immer mehr von ihnen, auch ehemalige Patienten, machten sich hier sesshaft. Sie lebten in einer ausgeprägten Diaspora-Situation und hatten deshalb das Bedürfnis, sich gegenüber der römisch-katholischen Mehrheit und unabhängig von der Illenau zu organisieren. Anfänge einer Loslösung sind fassbar unter dem fünften Pfarrer, Theodor Achtnich (1888–1897 in Achern). Schon sein Vorgänger, Pfarrer Georg Hafner (1882–1888 in Achern), hatte sich 1884 an den Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe gewandt und geschildert, dass die Arbeit inner- und außerhalb der Illenau von einer Person allein nicht bewältigt werden könne; Pfarrer Achtnich erneuerte diese Bitte mit Dringlichkeit und wurde 1890 durch Vikar Christian Heinrich Neu (bis 1892 in Achern) entlastet; eine vom Oberkirchenrat erlassene „Dienstverteilung“ regelte: Der Hausgeistliche sollte die Oberleitung sowie den Vorsitz im Kirchengemeinderat haben, den Gottesdienst in der Illenau und die Unterweisung der Konfirmanden erteilen, der Vikar sollte Religions-Unterricht halten und sich um die „Diasporiten“ in der Stadt und den umliegenden Orte und Villen bis nach Renchen und Lauf kümmern.

Die evangelischen Christen in und um Achern suchten nun eine eigene Form neben der Anstalts-Gemeinde, da sie einen anderen Hintergrund und auch andere Bedürfnisse hatten als die Menschen, die auf Zeit oder zeit Lebens in der Illenau untergebracht waren und dort eine Zwangs-Gemeinde bildeten. Der erste Schritt war der Zusammenschluss zu einer „Diaspora-Genossenschaft“ mit eigenem Vorstand innerhalb der Parochie Illenau, kirchenrechtlich allerdings ohne Verbindlichkeit. Nach einer Visitation kam am 20.1.1892 der „Bescheid“ des Oberkirchenrates, in der es heißt: „Die Diaspora-Gemeinde Achern ist die älteste unseres Landes. Ihre Gründung und langjährige Bedienung ging von Illenau aus.“ Dies ist als Anfang einer eigenen Stadt-Gemeinde neben der Illenau-Gemeinde zu sehen; sie umfasste das gesamte Acher- und das Sasbach-Tal und die davor liegenden Ortschaften. Zunächst waren sie noch pfarramtlich miteinander verbunden in der Person des Anstaltspfarrers Achtnich; die meiste Arbeit in ihr taten allerdings die Vikare, die als „Pastorationsgeistliche“ zur Unterstützung geschickt wurden.

Am 27.2.1892 meldete Vikar Neu nach Karlsruhe: „Soeben ist in hiesiger Stadt ein zweistöckiges Haus mit großem Garten, der genügend Raum für einen späteren Kirchbau bieten würde, auf dem Zwangsweg zum Verkauf angeboten worden.“ Damit kam ein weiteres Argument für eine Verselbständigung der Kirchengemeinde Achern auf: Neben dem Umfang der Arbeit, die von einem Pfarrer allein nicht mehr zu bewältigen sei, wurde mit einem eigenen Haus gelockt, das nicht nur den Pastoratsgeistlichen einen angemessenen Wohnraum geben würde, sondern auch noch die Aussicht eröffnete, eine eigene Kirche zu bauen. Noch im gleichen Jahr konnte das Haus und der Bauplatz erworben werden. Der Erste, der das neue Pfarrhaus beziehen konnte, war Heinrich Rothenhöfer, der als Pastoratsgeistlicher 1892–1895 Pfarrer Achtnich unterstützte.

Die nächsten Schritte

Die nächsten Schritte der jungen Gemeinde gingen in Richtung auf volle Selbständigkeit und einer eigenen Kirche für die Gemeindeglieder, die bis 1895 auf 510 angewachsen waren. Vikar Julius Schmidt (1895–1897 in Achern) schrieb am 12.11.1895 an den Oberkirchenrat: „Die Dienstanweisungen sind der Art, dass der Pastoratsgeistliche sich stets als Vikar seines Kollegen vorkommen muss.“ Die Lage ist „zwiespältig“, weil die Diasporagemeinde Achern keine eigene Kirche habe. 1891 hatte eine Visitation bereits auf die Notwendigkeit eines Kirchenbaus hingewiesen; der Gustav-Adolf-Verein, das Diaspora-Werk der Evangelischen Kirche, rief 1892 auf: „An die Evangelischen Badens und in den ganzen großen Gustav-Adolf-Verein ergeht die Bitte: Liebe Brüder und Schwestern, helft einer Gemeinschaft von 700 Seelen zu einer eigenen Kirche; helft, dass sie auch fürderhin einen eigenen Geistlichen behalten kann.“ 1895 beschloss der Oberkirchenrat eine landesweite Kollekte für den Kirchbau in Achern. Doch auf die Realisierung mussten die Gemeindeglieder noch mehr als ein Jahrzehnt warten. Die Pfarrstelle wurde mit Friedrich Brandt (1897–1926) neu besetzt, zugleich kam als neuer Pastoratsgeistlicher Vikar Hermann Zipse (1897–1899 in Achern); ihm folgte Wilhelm Schmidthenner (1899–1903 in Achern). In ihrer Zeit kochte das Projekt Kirchbau auf kleiner Flamme, hatten doch gerade die Pastoratsgeistlichen genug damit zu tun, die immer weiter anwachsende Gemeinde zu betreuen: 1903 waren es 955 allein in Achern, mit den umliegenden Ortschaften 1204.

Ein erster Erfolg

Ein erster Erfolg stellte sich ein, als am 17.3.1905 die Diasporagenossenschaft zur rechtlich selbständigen Kirchengemeinde erhoben wurde und sich umgehend einen eigenen Kirchengemeinderat wählte. Dieser, nicht mehr Anhängsel an das Pfarramt in der Illenau, konnte nun in eigener Sache selbständig aktiv werden.

Pfarrer Karl Spitzer
im Jahre 1909

Karl Spitzer (1903–1925 in Achern) war als Pastorationsgeistlicher mit dem Auftrag des Badischen Kirchenpräsidenten nach Achern geschickt worden, der Gemeinde so schnell wie möglich zu einer Kirche zu verhelfen – nach Lage der Dinge konnte das nur ein Neubau sein. Zwei Jahre lang warb er unermüdlich Geld ein: durch den Gustav-Adolf-Verein Spenden und von der Gemeinde eine Ortskirchensteuer. Dagegen gab es erhebliche Widerstände aus Angst vor einer Überschuldung der Gemeinde, bis der Direktor der Glashütte Heinrich Severin dem Pfarrer beisprang und einen Grundsatzbeschluss im Kirchengemeinderat durchbrachte: wenn die Hälfte der geschätzten Bausumme von 90.000 Mark beisammen sei, dürfe mit dem Bau begonnen werden. Von da an ging es mit Riesenschritten ans Werk.

Die Baupläne lieferte Baurat Rudolf Burkhardt, Kirchenbauinspektion in Karlsruhe, der bereits evangelische Kirchen in Waldshut, Karlsruhe und Herbolzheim geplant hatte. Sein Bau gilt allgemein als neoromanisch, ich möchte ihn lieber als wilhelminisch-imperial bezeichnen, denn ähnliche Kirchen wurden in diesen Jahren oft gebaut: von St. Stephan in Oberachern (1903–05) bis in deutsche Kolonien (Christus-Kirche in Windhoek, DSWA, 1907–1910).

Außenansicht
„neue protestantische Kirche“

Die Acherner Kirche wurde quer zur Allerheiligen-Straße geplant mit dem Haupteingang zur Straße. Der Grundriss zeigt – 26 m lang und 15,5 m breit – ein Schiff von zwei Jochen mit einer Verlängerung um ein halbes Joch über dem Eingang. Im Osten schließt sich der nur schwach eingezogene Altarraum mit geradem Schluss an. Im Süden zieht sich ein Seitenschiff in halber Breite über die beiden östlichen Joche, deren Arkaden aus je gut 6 m weiten Bögen bestehen. Östlich schließt sich ein Turm mit einem Treppenhaus an, das zwei der drei Emporen erschließt; im Norden ragt neben dem dritten Joch ein Anbau heraus: im Parterre ist ein Raum für die Unterweisung der Konfirmanden vorgesehen, darüber soll die Orgel ihren Platz finden. Östlich davor ein niedriger Turm mit einem weiteren Treppenhaus zur Orgelempore und westlich im Winkel zwischen Altarraum und Konfirmandenraum eine Sakristei. Eine klare Kreuzform, wie wir sie bei romanischen Kirchen erwarten, ist in der Christus-Kirche nicht zu erkennen.

Am 3.5.1908 erfolgte die Grundsteinlegung mit einem feierlichen Gottesdienst – der erste Spatenstich war bereits am 24. Februar erfolgt. Im Laufe des Festgottesdienstes wurde im Festungs-artig bewehrten Turm eine Urkunde eingemauert. Karl Spitzer hielt darin eine bemerkenswerte Rückschau: „1521 unterzeichnete der Bürgermeister von Achern den von Markgraf Philipp von Baden, dem Grafen Wilhelm von Fürstenberg und den Vertretern der bäuerlichen Bevölkerung abgeschlossenen Vertrag von Renchen, welcher die Forderung der Kirchenreformation enthielt.

Als im Jahre 1551 die Ortenau von Österreich eingezogen wurde, ward alles evangelische Glaubensleben unterdrückt und die Gegenreformation durchgeführt.“ Rückblickend auf das Jahr 1905 berichtet er, dass es in der Stadt Achern 744, in der Illenau weitere 306 Evangelische gäbe und dass im gesamten Seelsorgebezirk in 18 Ortschaften 1420 Glaubensgenossen lebten.

Rückblick

Es folgt ein Rückblick auf das Wachsen des Kirchbau-Projekts: dass mit der Leitung des Kirchbaus der Architekten Ch.Gambs betraut wurde, dass für die Diözese Rheinbischofsheim der Dekan Hauß aus Kehl zuständig sei und dass das städtische Gemeinwesen von einem Glied der Gemeinde, Bürgermeister W.Schechter, geleitet werde. „Abends 8 Uhr findet im großen Ochsensaal in Achern evangel. Gemeindeabend statt mit Gesangsvorträgen von Frau Bertha Gilg-Karlsruhe“ heißt es am Schluss des Programms des Festgottesdienstes.

Karl Spitzer verfasste aus Anlass der Grundsteinlegung eine Schrift „Aus Acherns Vergangenheit“, in der er „die – wissenschaftlich unhaltbare – Auffassung vertrat, dass irische Alemannen-Missionare Vorläufer der Protestanten waren, somit der Protestantismus in der Region älter sei als der Katholizismus“ (Lötsch). Dass der römisch-katholische Stadtpfarrer Dr. Huck durch seine „Erwiderung“ Protest gegen diese Behauptung einlegte, heißt nicht, dass Spitzers Aussage völlig falsch war. Waren die Protestanten auch Mitte des 19. Jahrhunderts neu in der Ortenau, so ist ihre Kirche ja keine neue; sie ist ein durch die Reformation hindurchgegangener Teil der einen katholischen Kirche und die Protestanten lassen sich ihr Kirche-Sein nicht von der größeren Schwester streitig machen.

Es gibt theologisch keine ältere und keine jüngere Kirche. Was die irischen Missionare angeht: sie hatten einst eine Kirchenstruktur nach Germanien gebracht, die keine so strenge Hierarchie und keine Subordination unter den Papst in Rom kannte wie die von Bonifatius eingeführte Ordnung; soweit konnten sich die Protestanten als eine Rom-freie Kirche tatsächlich den frühen Iren verwandt fühlen. (Es muss jedoch zur Ehrenrettung des Bonifatius gesagt werden, dass angesichts der Bedrohung Europas durch die Araber es ihm als ein Gebot der Stunde erschien, alle Christen Westeuropas unter dem fränkischen König und dem Papst in Rom zu vereinigen und jede Sonderform auszuschalten.) Tatsächlich unhaltbar allerdings wäre eine Auffassung, dass es neben der offiziellen Kirche in und um Achern Jahrhunderte lang eine Untergrundkirche gegeben hätte, die im 19. Jahrhundert mit den ersten Evangelischen wieder ans Licht getreten sei. – Gott sei Dank! Der konfessionelle Friede war durch diese literarische Fehde nur für kurze Zeit getrübt und konnte bald wieder hergestellt werden. Bürgermeister Wilhelm Schechter leistete dazu seinen Beitrag, indem er beide Konfessionen zu Toleranz aufrief: „Unser feierliches Gelöbnis bei dem folgenden Akte soll sein, das von unseren Vätern ererbte Vermächtnis der gegenseitigen Duldsamkeit als unser teuerstes und höchstes Gut zu bewahren.“

Bauzeit

Die Bauzeit zog sich über weniger als einundeinhalb Jahre – für ein so großes Gebäude eine beachtlich kurze Zeit. Am 25.9.1908 konnte das Richtfest gefeiert werden. Als Abschluss ließ Karl Spitzer, der offensichtlich auch gestalterisch die treibende Kraft war, je ein irisches Kreuz auf die Giebel setzen – ein weiteres Zeichen für seinen Anspruch, dass die evangelische Kirche in einem weiten geografischen und historischen Horizont zu sehen ist und sich nicht vor der übermächtigen römisch-katholischen zu verstecken braucht – auch wenn vermutlich kaum jemand diesem Detail Bedeutung zumisst.
Für den 4.3.1909 war die Glockenweihe angesetzt. Schulkinder hatten die drei Glocken, von denen zwei von Familie Severin und eine vom Großherzog gestiftet worden waren, vom Bahnhof zur Kirche geleitet. Die Presse berichtete anerkennend, die Glocken der Christus-Kirche seien mit den Glocken der Stadtkirche harmonisch abgestimmt – auch auf diesem Feld herrschte nun wieder Harmonie.

Am 25.6. war der Einbau der farbigen Glasfenster aus der Werkstatt von Rudolf Yelin abgeschlossen: ein großes im Altarraum – Jesus predigt vor zeitgenössischen Bürgern und Kindern; vier kleine auf der südlichen Empore – Evangelisten-Symbole, die allerdings im 2. Weltkrieg zerstört und durch neue ersetzt wurden. Die Rosette auf der nördlichen Empore war anfangs noch blind und wurde erst 1972 verglast. Die örtliche Zeitung prophezeite: „Die fünf Glasgemälde werden nicht nur den Hauptschmuck der neuen Christuskirche bilden, sondern auch eine große Sehenswürdigkeit unserer Stadt sein.“

Im Juli nahm der Hoforganist Th.Barner aus Karlsruhe die Orgel als gelungen ab. Ihre Lage nahe Altar und Kanzel erfüllte das Wiesbadener Kirchbau-Programm von 1891, während sonst weitgehend das Eisenacher „Regulativ für den evangelischen Kirchenbau“ von 1861 beachtet wurde. Bei einer späteren Renovierung der Kirche wurde sie 1972 auf die Empore über dem Eingang versetzt.

 

Kurz vor der Einweihung vermeldet die Badische Zeitung als Schenkung „silberne. reichvergoldete Abendmahlsgefäße. Bestehend aus 2 Kelchen, 2 Kannen und 2 Brottellern, ferner ein geschnitztes Altarcruzifix, 2 silberne dreiarmige Altarleuchter, eine gestickte Altardecke aus grünem Tuch, eine gestickte Kniebank für Trauungen …“ sowie Möbel und Bilder für Sakristei und Konfirmandensaal.

Am 12.9.1909 war es dann so weit: Um 10 Uhr sammelten sich Gemeinde und Gäste ein letztes Mal in der Illenau, um dort Abschied zu nehmen. Um 15 Uhr kamen sie zur feierlichen Einweihung zur Christus-Kirche. Da die Bebauung noch nicht so eng war wie heute, bot sich den Ankommenden ein eindrucksvoller Anblick: im Pfarrgarten (der erheblich verkleinert worden war und der schließlich durch die Errichtung des Gemeindehauses der Pfarrer-Familie gänzlich entzogen worden ist) erhob sich der viel gegliederter Bau, zwischen gemauerten Kanten aus Sandstein-Quadern verputzt und weiß gestrichen, von einem quadratischen 45 m hohen Turm mit achtteiliger pyramidaler Haube markant überragt. Als sie zum Portal schritten, fiel ihr Blick auf das Mosaik darüber: Christus mit erhoben ausgestreckten Händen, die Ankommenden willkommen heißend und sie segnend.

Ein gewaltiger Eindruck

„So hatte Achern keine 70 Jahre, nachdem die ersten Evangelischen hierher gezogen waren,
eine eigene Kirche“

Der festlich geschmückte Raum machte einen gewaltigen Eindruck auf sie. Zwei Sandstein-Säulen ragten links zwischen Mittel- und Seitenschiff auf und ließen viel Licht über die Empore einströmen. Aus gleichem Material waren die weit gespannten Arkadenbögen und die Gurtbögen, die sich unter der Decke entlang zogen bis zur gegenüber liegenden Wand und dort die Orgelempore einrahmten. Aller Blick aber ging zum Altarraum, zwei Stufen höher als der Raum der Gemeinde. In der Mitte ein Holztisch, festlich geschmückt; links von ihm der Taufstein und rechts die Kanzel, die sich nur wenig über die Köpfe der Gemeinde erhob – „von oben herab“ „die Gemeinde abkanzeln“: das sollte schon rein optisch in dieser Kirche undenkbar sein. Im Zentrum der beiden Joche hingen gewaltige Radleuchter mit je 15 elektrischen Lampen – die Kirche präsentierte sich auf dem neuesten Stand der Technik. Dass es eine Niederdruck-Dampfheizung – das Neuste vom Neuen! – in der Kirche gab, bemerkten die Besucher erst im Winter.

So hatte Achern keine 70 Jahre, nachdem die ersten Evangelischen hierher gezogen waren, um den Preis von 92.000 Mark eine eigene Kirche – und was für eine! Nicht nur, dass sie 600 Sitzplätze hatte, die bei der Einweihungsfeier nicht ausreichten; ihr Turm überragt bis heute die Stadt und auch die beiden römisch-katholischen Nachbarkirche so beträchtlich, dass mancher Fremde denkt, sie sei die Hauptkirche der Stadt.

Doch nicht um ihrer selbst willen reckt er sich in den Himmel – er weist auf den, der das Haupt ist der Gemeinde und dessen Namen die Kirche trägt:

Jesus, der Christus Gottes.

Karl Spitzer, immer noch Vikar und als Pastoratsgeistlicher eingesetzt, hatte ein Werk geschaffen, der die langjährigen Wünsche der Gemeinde zur Erfüllung brachte und ihm selbst eine anhaltende Erinnerung in der Gemeinde bescherte. Er wird es als Anerkennung empfunden haben, dass Großherzog Friedrich II. am 24.2.1910 schrieb: „Ich fühle mich auf den Vortrag des Evangelischen Oberkirchenrates vom 23.2.1910 gnädigst bewogen, den von der Kirchengemeinde Achern aus den sechs vorhandenen und bezeichneten Bewerbern gewählten und präsentierten Pfarrverwalter Karl Spitzer in Achern zum Pfarrer daselbst zu ernennen.“ Dr. Rainer Haas

 

Festgottesdienst anlässlich 175 Jahre evangelische Gottesdienste in Achern

17.00 Andacht in der Kap175Jahre_ev_Godi_Achern_webpelle Illenau

18.00 Uhr Gottesdienst in der Christuskirche

Festpredigt: Landesbischof Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh

Liturgie: Pfr. Dr. Hans-Gerd Krabbe